• Stadtleben
  • Interview mit Tom Michelberger – Teil 2

Stadtleben

Interview mit Tom Michelberger – Teil 2

tip Was zeichnet Ihr Hotel besonders aus?
Michelberger
Der Enstehungsprozess. Er hat dafür gesorgt, dass das Hotel so aussieht, wie es aussieht, und so funktioniert, wie es funktioniert. Das ist schon ein Statement. Dann wäre es schön, wenn wir so viele Stammgäste wie möglich bekämen. Es gibt Vier-Sterne-plus-Hotels, dann gibt es die Mit­telklasse von schlecht bis sehr gut, aber alles recht anonym und standardisiert. Und dann gibt es Familienbetriebe, die sehr traditionell sind – und wir sind irgendwo dazwischen. Wir haben uns vorher überlegt, in welcher Art Hotel wir uns am wohlsten fühlen würden. Früher gab es Einzelzimmer und Doppelzimmer, aber heute sind öfter mal drei Freunde zusammen un­terwegs, und man kann sich bes­tens vorstellen, zusammen in einem Zimmer zu schlafen – aber Hostels sind keine Option mehr. Und die Bands werden auch alle hier in den Familienzimmern übernachten. Im Winter wollen wir viel hier sein, unsere Freunde sollen hier sein – und das Hotel soll insgesamt offen sein und nicht so abgeschlossen, wie es Hotels normalerweise sind.

Michelbergerhotel_fotografiert_von_Jens_Bergertip Man merkt schon, wenn man im Hof dieses Hotels sitzt, dass man in Berlin ist und nicht in London oder Paris – im Gegensatz z.B. zu den Häusern der Ibis-Kette, die auf der ganzen Welt gleich aussehen.
Michelberger Hotels sind wie Inseln in einer Stadt. Und wir wollten mit unserem Hotel, dass die Leute hier gleich mitten drin sind.

tip Haben Sie besondere Ansprüche, zum Beispiel ans Personal?
Michelberger Die Leute, die an der Rezeption arbeiten, sind nicht nach klassischen Lebensläufen ausgesucht. Die meisten sind mit der Zeit von alleine hierher gekommen. Unser Gesamtbild ist einfach anders, das kann man nicht unbedingt am Service festmachen. Das Publikum findet sich letztlich auch immer selber. DJs reisen etwa erst spät an, die können dann natürlich nicht um zwölf Uhr aus dem Zimmer heraus sein. Was mich an Hotels in fremden Städten immer stört, ist, wenn der Service über die Umgebung nicht Bescheid weiß. Man kommt in die Hotels hinein, und dann ist da eine Wand mit Tourismustipps und kleinen Flyern. Bei uns sollen alle Bescheid darüber wissen, wo man die Gäste zum Essen oder Tanzen hinschicken kann – wie man gute Freunde, die in Berlin zu Besuch sind, auch in die richtigen Läden schickt.

tip In Friedrichshain wurde vor Kurzem der Neubau eines Hostels verhindert. Anwohner in den Szenebezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg empfinden die Partytouristen, die stets mit der Bierflasche in der Hand durch die Gegend laufen, zunehmend als Plage. Können Sie das nachvollziehen?
Michelberger Diese All-inclusive-Trinktouren sind natürlich furchtbar. Das ist auch nicht unser Zielpublikum. Man kann mit einem Hotel aber auch schon etwas vorgeben –, wir würden Gäste auch zurechtweisen, wenn sie sich da­neben benehmen. Aber die Bandbreite macht es natürlich aus: Familien, Rockbands, Schweden; neulich waren zehn japanische Geschäftsmänner da. Wenn dann alle zusammen im Frühstücks­raum ho­cken, dann ist das schon ein schönes Bild. Ich sehe bei Berlin aber nicht die Gefahr, dass wir überrannt werden von diesen Trinktouristen, das verläuft sich hier auch.

tip In den letzten Wochen gab es diverse Hotel- und Hostel-Neueröffnungen. Bis 2011 soll es rund 200.000 Betten in Berlin geben. Interessieren Sie sich für den Ho­telmarkt, lesen Sie die Zeitung vom Hotel- und Gaststättenverband?
Michelberger Ich fahre in der Stadt herum und beobachte das – aber ich kümmere mich nicht aktiv darum. Die meisten Hotels werden von Investoren gebaut, die selbst nie in dem Hotel übernachten werden. Da ist schon viel Distanz und Austauschbarkeit. Aber umgekehrt freue ich mich auch, wenn ich so ähnliche Hotel-Projekte entdecke wie unseres. Und wenn wir dann voll sind – so wie jetzt –, dann überlegen wir schon, wo wir unsere Gäste hinschicken können.

tip Was hat man denn als Berliner von Ihnen?
Michelberger Man kriegt hier guten Kaffee, ein gutes Bier, es gibt einen Mittagstisch, und abends gibt es eine leckere Gulaschsuppe – die 24-Stunden-Gulaschsuppe. Es gibt hier auch jetzt schon viele, die hier arbeiten und davon leben – und das ist doch auch schon ein gutes Gefühl.

Interview: Britta Geithe und Heiko Zwirner
Fotos: Jens Berger

1 | 2 | zurück

 
Michelbergerhotel Warschauer Straße 39/40, Friedrichshain, www.michelbergerhotel.com

zur HOTEL-BILDERGALERIE

 

weitere Interviews:

INTERVIEW MIT MUSIKER MAX HERRE

LARS VON TRIER ÜBER SEINEN FILM „ANTICHRIST“

GESPRÄCH MIT HENRY HÜBCHEN ÜBER „WHISKY MIT WODKA“

INTERVIEW MIT FINANZSENATOR ULRICH NUSSBAUM

GESPRÄCH MIT GRÜNENPOLITIKERIN RENATE KÜNAST

INTERVIEW MIT CHRISTIAN ULMEN

 

Mehr über Cookies erfahren