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Im Gespräch über mehr Homosexuelle mit Kinderwunsch

Constanze_KoernerAls 2005 in der ARD-Serie „Lindenstraße“ die Figur Tanja Schildknecht mit ihrer lesbischen Freundin beschloss, ein Kind zu bekommen, wirkte das noch sehr exotisch. Täuscht dieser Eindruck?
Nein, das täuscht nicht. Die eingetragene Lebenspartnerschaft gibt es bei uns ja erst seit 2001. Erst mit Eintreten dieser rechtlichen Regelung hat sich gesellschaftlich viel verändert. 2005 wurde dann die Stiefkindadoption eingeführt. Das heißt, dass Lebenspartner das leibliche Kind des anderen adoptieren konnten. Von da ab durfte man auch rechtlich gemeinsam Eltern sein, was vorher nicht möglich war. Damit einhergehend hat die Akzeptanz  von Regenbogenfamilien zugenommen. Inzwischen gibt es fast keine Doku-Soap mehr, in denen es nicht den Quotenschwulen, die Quotenlesbe oder Regen­bogenfamilien gibt. Dadurch hat sich auch das Selbstverständnis bei homosexuellen Paaren geändert: dass sie auch einen Kinderwunsch haben und den auch äußern dürfen.

Trotzdem erstaunlich, dass es so lange dauerte, bis das Thema Kinder bei Schwulen und Lesben öffentlich auftauchte.
Das hat einen historischen Hintergrund. Einerseits waren Homosexu­elle bis 1994 verfolgt, denn bis dahin gab es in Deutschland den Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Homosexuelle hatten ganz lange für ihre Rechte, ihre Anerkennung gekämpft, dafür, ihr Lebenskonzept leben zu dürfen. Das war erst mal eine Abkehr von alldem, wie die heteronormative Welt gelebt hat. Das Bürgerliche wurde abgelehnt. Durch die zunehmende Anerkennung von Homosexuellen hat sich in den letzten Jahren aber viel verändert. Es gibt eben auch Homosexuelle, die so leben wollen, wie sie ja auch sozialisiert worden sind: in einer Familie. Die wollen auch ein oder mehr Kinder haben, ein Haus bauen und Dinge tun, die lange nur heterosexuellen Paaren vorbehalten waren. Wir sind mitten in einem Entwicklungsprozess drin, der noch sehr jung ist: Die Zahlen an Regenbogen­familien steigen rapide an.

Das heißt, Schwule und Lesben haben sich das Recht erkämpft, ganz spießig von Familie, Kindern und einem Häuschen träumen zu dürfen? Nicht mehr Bohemien sein zu müssen?
Genau. Jedenfalls ein Teil von ihnen. Ich spreche natürlich nicht für DIE Lesben und DIE Schwulen. Es gibt natürlich auch Homosexuelle, die Familie und Kinderhaben ablehnen. Genauso, wie es bei heterosexuellen Menschen viele gibt, die keine Familie leben wollen.

Haben Regenbogenfamilien jetzt alles erreicht?
Nein. Dadurch, dass Lebenspartnerschaften rechtlich nicht mit der Ehe gleichgestellt sind, bekommt beispielsweise bei einer eingetragenen lesbischen Lebenspartnerschaft nur die leibliche Mutter bei der Geburt des Kindes das Sorgerecht. Die andere Partnerin bekommt das Sorgerecht erst per Stiefkindadoption. Das ist ungerecht. Die Paare müssen vom Familiengericht und Jugendamt überprüfen lassen, ob sie in der Lage sind, ein gemeinsam gewolltes und geplantes Kind zu erziehen. Sie müssen, im Gegensatz zu Eheleuten, ihre Elternfähigkeit nachweisen. Das Kind ist bis zur langwierigen Stiefkindadoption nur über eine Person abgesichert. Außerdem gibt es für eingetragene Lebenspartnerschaften kein Ehegattensplitting. Vor allem, wenn Kinder vorhanden sind, ist dies ein großer Nachteil: Regenbogenfamilien haben die gleichen Aufwendungen wie heterosexuelle Familien. Wenn man normal verdienende heterosexuelle Verheiratete mit normal verdienenden homosexuell verpartnerten Eltern vergleicht, haben Letztere wegen des fehlenden Ehegattensplittings monatlich rund 300 Euro weniger in der Tasche. Dieses Geld fehlt. Was wir wollen, sind gleiche Rechte für gleiche Pflichten.

Wie wichtig ist bei homosexuellen Paaren leibliche Elternschaft?
Das ist sehr unterschiedlich. Viele haben den Wunsch, ein leibliches Kind zu bekommen, sich selbst zu reproduzieren. Bei Frauen ist dieser Wunsch natürlich viel selbstverständlicher, weil auch leichter umsetzbar. Aber es gibt auch schwule Männer, die ein leibliches Kind wollen. Bei ihnen ist es wegen der biologischen und rechtlichen Situation schwieriger. Die Variante, den Kinderwunsch mit einer lesbischen Frau oder einem lesbischen Paar zu realisieren, ist für viele schwule Männer aber auch akzeptabel. Es gibt aber natürlich auch Adoptionsanwärter – auch bei Frauen übrigens. Und Leihmutterschaft, die im Ausland realisiert wird, ist ein Thema. Das ist aber sehr teuer. Ansonsten ist auch Pflegeelternschaft eine Alternative.

Warum ist es wichtig, dass sich Regenbogenfamilien austauschen?
Die Regenbogenfamilie hat keine Vorbilder. Sie ist nicht beschrieben, muss sich alles selbst erarbeiten. Außerdem haben jede Lesbe und jeder Schwuler irgendwann mal Diskriminierungserfahrungen gemacht. Als Lesbe oder Schwuler ist man sieben Tage die Woche in der heteronormativen Welt unterwegs. Vor allem mit Kindern ist man quasi in einem ständigen Coming-out. Da ist es schön, einen Ort zu haben, wo man mit anderen Eltern reden kann, ohne sich jedes Mal erklären zu müssen. Wo auch die Kinder sehen, dass es auch andere Familien mit zwei Müttern oder zwei Vätern gibt. Solche Erfahrungen stärken, erzeugen Empowerment, schaffen das Selbstbewusstsein, um mit Institutionen wie Kita oder Schule umgehen zu können, und helfen, wenn da mal ein blöder Spruch kommt.

Mit welchen Fragen werden Sie als Beraterin für Regenbogenfamilien konfrontiert?
Ganz wichtig ist das Thema Kinderwunsch, da kommen sehr, sehr viele, egal ob homosexuell, bisexuell, transsexuell oder auch heterosexuell. Auch alleinstehende heterosexuelle Frauen kommen zunehmend und orientieren sich daran, wie lesbische Frauen ihren Kinderwunsch realisieren. Außerdem geht es rund um Schwangerschaft und Geburtsvorbereitungskurse. Die Ratsuchenden wollen wissen, an wen sie sich wenden können, ohne diskriminiert zu werden. Sind die Kinder im Krabbelalter, geht es um das Thema Stiefkindadoption: Wie geht man mit dem Jugendamt um? Weil die Verfahren dort sehr unterschiedlich ablaufen, ist der Austausch der Regenbogenfamilien untereinander sehr wichtig. Weiter geht’s mit Erziehungsfragen oder Fragen nach dem Umgang mit den Vätern oder Müttern. Außerdem kriselt es natürlich auch mal bei homosexuellen Paaren – wie überall woanders auch. Es geht um Kommunikationsschwierigkeiten oder Fragen nach einer Trennung. Alle Familienthemen sind vertreten. 

Interview: Eva Apraku
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Regenbogenfamilienzentrum
Cheruskerstraße 22, Schöneberg,
Tel. 38 10 92 31, www.regenbogenfamilienzentrum.de

 

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