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Iris Hölling vom Verein Wildwasser im Gespräch

Iris-H__lling2475Haben Sie die Grünen gewählt?
Die Frage möchte ich nicht beantworten …

Daniel Cohn-Bendit fabulierte über Kinder an seinem Hosenlatz, Jürgen Trittin ist presserechtlich verantwortlich für ein Grünes Programm, dass in den 1980er-Jahren Sexualität mit Kindern vor Strafverfolgung schützten wollte. Halten Sie Bündnis 90?/?Die Grünen für eine pädophile Partei?
Es gab damals Strömungen in der Partei, die sexuelle Gewalt legalisieren wollten. Da haben die Grünen heute eine andere Position. Aber ich halte es für notwendig, dass sich die Grünen mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Ich finde es auch gut, dass sie den unabhängigen Wissenschaftler Franz Walter mit der Untersuchung beauftragt haben. Und ich finde es wichtig, dass sie Unterstützung für Betroffene aus dem Kontext zusagen.

Bislang sind keine Opfer bekannt.
Wenn man möchte, dass sich jemand meldet, muss man kompetente Ansprechpartner_innen benennen.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Partei?
Ich würde mir eine klarere Auseinandersetzung mit den damaligen Strukturen wünschen, die solche Positionierungen von Pädo-Sexuellen begünstigt haben.

Sind Sie der Meinung, dass Verantwortliche zurücktreten müssten?

Mit Rücktrittsforderungen ist niemandem geholfen. Man muss sich jetzt der Verantwortung stellen und schauen, ob es heute noch Kontinuitäten gibt.

Pädophilie-Netzwerke hatten in den 1980er-Jahren offenbar auch Einfluss auf den Kinderschutzbund. Warum hört man erst jetzt davon?
Vieles ist nicht neu. Auch der Fall mit dem Kinderschutzbund-Vorstand ist schon länger bekannt, das wollte nur damals niemand hören. So wurden die Feministinnen in den 1980er-Jahren scharf für ihre Kritik am Einfluss dieser Netzwerke angegriffen.

War es deshalb nötig, Wildwasser 1983 zu gründen?
Über Vergewaltigungen wurde damals gesprochen und über häusliche Gewalt, es gab erste Frauenhäuser. Aber über den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen wurde damals überhaupt nicht gesprochen, das war ein Tabuthema. Es ist den Gründerinnen von Wildwasser zu verdanken, dass das Thema in die Öffentlichkeit kam. Sie gründeten 1982 in Berlin die erste Selbsthilfegruppe, nach englischen und amerikanischen Vorbildern.

Wildwasser wurde in Berlin-West gegründet. Gab es in der DDR keinen sexuellen Missbrauch?
Natürlich gab es den. Es gab auch einzelne Gruppen, die versucht haben, sexuelle Gewalt in der DDR zu thematisieren. Wir haben 1991 im Auftrag des Senats in Berlin-Ost eine Beratungsstelle aufgebaut.

Gab es nennenswerte politische Widerstände gegen die Gründung von Wildwasser, beziehungsweise gegen das Publikmachen solcher Themen?
Ja, die gab es. Das wollte natürlich niemand hören. Die Frauen wurden massiv angegriffen und diffamiert, vor allem Anfang der 1990er-Jahre. Da gab es die große Kampagne „Missbrauch mit dem Missbrauch“. In den Jahren wurde gezielt versucht, Feministinnen, die zu dem Thema arbeiteten, zu diskreditieren. Und darunter waren auch Leute, die Pädo-Kriminalität befürworteten.

Auch Wildwasser hat damals Fehler gemacht, die etwa von der Autorin Katharina Rutschky in ihrem Buch „Erregte Aufklärung“ aufgegriffen wurden.
Alle Wildwasser-Vereine arbeiten eigenständig. In Worms gab es damals einen Prozess, der mit einem Freispruch aller Angeklagten endete, in dem Wildwasser Worms Fehler gemacht hat. Kritiker übertrugen diese Fehler von Wildwasser Worms dann auf alle Vereine. Heute gibt es eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft, gemeinsame Qualitätsstandards und der Name ist markenrechtlich geschützt.

Dennoch, die Diskussionen um Wildwasser und den sexuellen Missbrauch haben viel bewegt. Noch in den 80er-Jahren gab es Nacktfotos der minderjährigen Schauspielerinnen Brooke Shields (10 Jahre), Nastassja Kinski, Eva Ionesco. Heute doch undenkbar?
Die Posing-Bilder werden nach wir vor gehandelt, ebenso wie Darstellungen sexueller Gewalt.

Sie haben Ihren Hauptsitz in Wedding. Geschieht der sexuelle Missbrauch auch in Familien mit Migrationshintergrund oder ist das vor allem ein (bio-)deutsches Phänomen?.
Es gibt dazu keine Statistiken. Aber unsere Erfahrung ist, dass Missbrauch in allen Familien und allen gesellschaftlichen Gruppen vorkommt, in bio-deutschen genauso, wie in Familien mit Migrationshintergrund. In unseren Beratungsstellen ist der Anteil der deutsch sozialisierten Mädchen höher, in den Wohngruppen ist das Verhältnis 50 zu 50. Das ist keine Tat, die mit der sozialen Lage im Zusammenhang steht.

Gibt es unter den Missbrauchstätern nur Männer oder kommen auch Frauen als Täterinnen vor?
Es kommen auch Frauen vor, der überwiegende Teil sind aber Männer.

Sexueller Missbrauch ist kein Tabuthema mehr. Melden sich heute mehr Betroffene?

Die Zahlen der Beratungssuchenden sind in den letzten Jahren massiv gestiegen. Aber an unseren Ressourcen hat sich in den letzten zehn Jahren nicht viel geändert. In den zwei Mädchenberatungsstellen hatten wir 1?000 Fälle mehr als im letzten Jahr. 2012 wandten sich fast 4?200 Mädchen, unterstützende Personen und Professionelle an unsere Beratungsstellen in Berlin. In der Selbsthilfe und Beratung für Frauen waren fast 5?000 persönlich im Projekt. Dem gegenüber stehen nur 2,5 Stellen in der Frauenberatung. Hier muss sich dringend etwas ändern.

Interview: Britta Geithe

Foto: Sabine Felber

30 Jahre Wildwasser – Geburtstagsparty mit den Bands Totally Stressed und Zimmerlautstärke, den DJanes Ipek und Grace Kelly: Fr 27.9, 21 Uhr im Südblock, Admiralstr. 1-2, Berlin-Kreuzberg; www.wildwasser-berlin.de

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