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Kolumne

Jackie A. entdeckt das Pandemie-Haustier: Wenn die Depression einzieht

Unsere Kolumnistin Jackie A. hat sich in der Pandemie ein neues Haustier angeschafft – unfreiwillig. Sie lebt nun mit dem Horror-Blob Depression. Diesem extraterrestrisch anmutenden Mitbewohner, der zwar nicht die Couch ruiniert, aber alles killt, was Leichtigkeit und Lebensfreude bedeutet. Und die Therapieplätze sind in Berlin rar.

„Die längste Zeit war uns nicht mal klar, dass wir Hilfe brauchten“. Foto: Jackie A.

Plötzlich zieht das neue Haustier ein – die Corona-Depression

Nicht wenige Berlinerinnen denken darüber nach, sich für die kommenden, harten Zeiten ein Haustier zuzulegen, und auch hier bei uns gibt es inzwischen Familien-Zuwachs: anhänglich, wenig niedlich und zementsackschwer

Dabei war uns anfangs gar nicht klar, dass wir nicht nur Katzen und Igel durchfütterten. Unser neuer Mitbewohner blieb eine Zeit lang unsichtbar, ein Meister der Mimese. Er integrierte sich in unseren Alltag, ähnlich wie die Stabheuschrecke, die im Geäst tropischer Regenwälder selbst optisch zum Ast wird. Gut getarnt kann er so jahrelang in Haushalten leben, bis ein beliebiger Auslöser, es muss ja nicht immer gleich eine weltweite Pandemie sein, ihn mutieren lässt. Dann wird aus einem originellen Insekt plötzlich ein hüpfburggroßer Horror-Blob. Er heißt: Depression.

Corona und Depression: In der Abwärts-Spirale

Als wir begriffen hatten, dass unser extraterrestrisch anmutendes Haustier zwar nicht die Couch ruinieren würde, aber von einem Moment auf den anderen alles killen kann, das Leichtigkeit oder Freude bedeutet, dass es nur wohlig schnurrt, wenn man selbst bleischwer und innerlich leer vegetiert, dass es einem sämtliche Lebensenergie abschöpfen kann, und dass es, wenn man sich erst mal in der Abwärts-Spirale befindet, sogar das Zeug dazu hätte, einen umzubringen… – als wir das alles zum ersten Mal realisierten, war das Gold wert.

Denn die längste Zeit war uns nicht einmal klar, was hier passierte und das wir Hilfe brauchten. Ich schreibe vom „Wir“, weil bei einer Depression alle Haushalts­angehörigen betroffen sind. Auf der Suche nach Hilfe stellte sich heraus, dass unser exotisches Haustier deutlich weiter verbreitetet war als vermutet, ein richtiges „Volkshaustier“. Denn ganz gleich wo wir anriefen: Sämtliche Fachärzte waren auf Monate ausgebucht.

In Berlin ist es schon länger unmöglich, zeitnah einen Psychotherapie-Platz zu finden

Wer sich auskennt, der weiß, dass es in Berlin schon länger unmöglich ist, zeitnah einen Psychotherapie-Platz zu finden. Die Situation hat sich seit Beginn der Pandemie noch zugespitzt. Und wir befinden uns, zusammen mit einer täglich wachsenden Zahl von Betroffenen, noch immer auf der Suche. Was uns bisher half: offensiver Umgang mit dem Problem (Enttabuisierung), mit Freunden und Familie sprechen, Menschen, die unaufgefordert in privaten Nachrichten ihre wertvollen Erfahrungen teilten – danke M.! Manchmal kann es helfen, die Depression spielerisch wie ein Haustier zu sehen, gerade weil sie eine ernstzunehmende Krankheit ist, an der es nichts zu verniedlichen gibt.

Wer das Gefühl hat, andauernd müde zu sein, weder Freude noch Trauer empfinden kann, dieser Zustand anhält oder stärker wird, der hat womöglich Symptome. Depression ist gut behandelbar, dazu muss man sie allerdings auch erkennen. Viele Informationen zu Krisen und Krisenhilfe in Berlin gibt es online.


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