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Jackie A. entdeckt… Frühling mit scharfer Soße

S-Bahnhof Neukölln: Menschengewusel, fünf Narzissen für zwei Euro, ein Junkie transportiert eine Banane in seiner Kapuze, und ein dralles Wesen in Nike-Stretchleggins brüllt von hinten: „Ick klatsch dir eene, Selina!“

Kolumne Jackie A. tip 08/2017

Draußen gleißendes Sonnenlicht und Bauabsperrungen, endlose Schlangen in Rot-weiß, Ketchup-Majo-Filter für die Karl-Marx-Straße. Ich flaniere auf schmalem Grat, Baugruben umtänzelnd. Ansommern zwischen Schaufensterauslagen mit verblichenem Kunstgras und Wäscheständern mit Vier-Euro-Leggins. Hier ein leerer Hipster-Burgerladen, dort ein  überfüllter Hochzeitsfashion-Shop. Da rollt mir ein Typ sein Bike in den Hacken – „Sorry!“, sagt er, weil Frühling ist. Im Winter wäre es  ein „Aus dem Weg, Arschloch!“ gewesen. Erstmal einen Döner, beschließe ich, also da anstellen, wo die Schlange am längsten ist (Qualitätsmerkmal). Vor mir unterhalten sich stark geschminkte Neuköllnerinnen über Kekskuchen, den offenbar eine Freundin gebacken hat: „Alles matschig – so äklisch!“ Dann bestellen sie Döner-Boxen ohne Salat,  nur mit Fleisch und Pommes, was (natürlisch!)viel geiler ist. Ein türkische Vater mit seiner vierjährigen Tochter wird ungeduldig: „Was dauert  das denn so lange?“ Und: „Da hat sich einer vorgedrängelt, gucken Sie! Gucken Sie!“ „Nein“, sage ich. „Der stand da schon, aber etwas abseits.“ – „Okay. Is jut.“ Krawall fällt aus wegen Frühling.

Rückblende: gleicher Ort, sieben Tage zuvor. Ich beiße in einen Döner, scharfe Sauce läuft mir die Mundwinkel herunter. Ein Herr mit Hut bleibt stehen, fragt: „Angelique?“ Antwort, schmatzend: „Nee, Jacqueline.“ Jetzt ein Aha-Moment: „Ach, sind Sie nicht der Vater von Jasna? Dann sind wir aus demselben Grund hier!“ Wir wollen zum Reporter-Slam um die Ecke, ins Prachtwerk, dort tritt seine Tochter, meine Kollegin, an. An diesem Abend geht es um Exorzismus-Recherchen und einen Tag im Leben eines Mülleimers, auch um Pseudologie in der Partnerschaft (krankhaftes Lügen). Zum Schluss fetzt die Kollegin über die Bühne, berichtet energiegeladen über ihr Leben als Lehrerin in einem Flüchtlingsheim in Bautzen und ihre Recherchen im – OMG! – Puff. Wenn Sie auch mal erleben wollen, was Journalistenschüler alles so witzig finden, dann sollten Sie sich das selber anschauen, Termine gibt es unter http://realsatire.de. Beim nächsten Slam könnten Sie mich dann mitunterstützen, wenn ich mit großer Undercover-Reportage „Frühlingsdöner“ durchstarte, Untertitel: „Wie Dönerfleisch und Sonneneinstrahlung das Sozialverhalten von Berlinern revolutioniert“. Der Frühling und ich, wir zählen auf Sie!

Lesung mit tip-Kolumnistin Jackie A. am 8.4., 20 Uhr in der Galerie Neurotitan: Happy Birthday, Tip-Stadtmagazin! Best Of Jackie A. & Friends

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