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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Gegen die Wand (tanzen)

Kreuzberg, dritter Hinterhof: Valerie Renay performt mit E-Gitarre und riesiger Frisur, von zwei Neonröhren gerahmt, ein düsteres „Living in Germany“. Ein fast schon filmischer Moment, der auf der Tanzfläche in einer Hieronymus-Bosch-haften Yogi-Disko eskaliert. Was ist hier bitte los?, frage ich mich beim letzten Abend der Mindpirates, bevor die Galerie für immer aus den Räumen verschwindet

Menschen mit Turbanen oder geflochtenem Haar kreisen ihre Oberkörper zur Musik oder legen sich nieder zum Spagat. Direkt vor mir gestikuliert ein bauchfreier Capoeira-Derwisch in Sackhose. Eine Maskierte mit Hirschgeweih huscht durchs Bild, während überall im Raum extrovertierte Tänze stattfinden. Ein unscheinbarer Mann mit Brille betritt die Szenerie. Eventfotograf André C. Hercher macht seine Fotos, kommentiert: „Ich hätte mehr erwartet.“ Jemand mit zitternden Unterarmen hält gegenüber seit drei Minuten einen Kopfstand.

Einen akuten Yogi-Overload erleidend, kuriere ich ihn mit Moscow Mule. Ich ermahne mich, nicht voreingenommen zu sein. Doch als ein bärtiger Tänzer nun auch noch ein langes Seil mit Kugel hervorholt, um diese zur Musik weiträumig über den Dancefloor zu schwingen, steigt Groll in mir auf. Ich betrete das Hippie-Universum und hebe meine Arme: getanzter Aufstand, Techno-Disco gegen Emo-Akrobatik! Mit zackigen Moves arbeite ich gegen mein waberndes Umfeld an. Allein tanzend gegen eine Wand, gegen den Ausdruckstanz-Mainstream! Bis plötzlich jemand auf meine Schulter tippt. Als ich mich umdrehe, wird mir ein lauwarmes Bier präsentiert, natürlich von dem Tänzer mit der Kugel. Und da frage ich mich, wieso ich überhaupt hier landete. Den Gastgeber, Ralf Schmerberg, hatte ich einst als langen Typen neben Inga Humpe kennengelernt, als sie mir in den 90er-Jahren vorm Tresor aus einem offenen Wagen heraus zurief: „Ey, hallo…!“ Ich trug Plateau-Turnschuhe und zu stark blondierte Zöpfe. Eine Woche später spielte ich unter Schmerbergs Regie in einem Werbevideo dieses Girl, das eine Kurznachricht erhält und und hierauf cirka 289-mal voller Begeisterung „ES IST VON IHM! “ in die Kamera brüllte, bis der Perfektionist Schmerberg zufrieden war.

Ich hatte keine Ahnung, dass er preisgekrönter Filmemacher war, einer von den „Guten“, politisch engagiert. Und nun stehe ich hier an diesem Ort, der jetzt schon Geschichte ist, weil demnächst irgendeine Agentur einziehen wird, und mir wird klar, dass da gar kein Groll in mir ist, sondern eher Wehmut. Ich nehme einen Schluck vom lauwarmen Bier und bleibe.

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