Stadtleben

Jackie A. entdeckt… Knowledge-Sharing

Sitze vor dieser top gestylten Dim-Sum-Bar auf der Kastanienallee und versuche seit einer halben Stunde Dumplings, die optisch an winzige, weichgekochte Alienhirne erinnern, zwischen meine Stäbchen zu bekommen… meine Güte! Und jetzt schrottet auch noch ein völlig fertiger Deliveroo-Bote an der Kreuzung sein Fahrrad, woraufhin es für Sekunden Sashimi und Sushi-Röllchen regnet.

Und als ob das nicht alles schon reichen würde, werden mein Mann und ich Zeugen dieses denkwürdigen Gesprächs zwischen zwei Startup-Mitarbeiterinnen, die hier in „Zalando“-Shirts lunchen: „… und die macht da dieses Startup und hat ihr Countryhouse in Brandenburg und noch ’ne Wohnung in Mitte und geht dann abends andauernd feiern und schick essen und so.

Dim-Sum oder Alienhirne?

Ich weiß das, weil wir auf Instagram connected sind und die postet das ja andauernd. Na wenigstens hat sie Konfektionsgröße 42 und nicht auch noch so’n Topbody, das wär’ echt to much“ (nimmt einen Schluck Pflaumen-Kiwi-Limetten-Soda). „Und sie benutzt auch immer Filter, weil sie ja schon auch sehr fertig aussieht. Sie hat so sehr viele tiefe Falten.“ (Gegenüber nickt verständnisvoll, lächelt aber auch ein bisschen hämisch). „Und eine Freundin macht jetzt auch ein Startup. Sowas Von-Frauen-für-Frauen-Knowlege-Sharing und so…Ich finde das ja super, oder sowas wie dieses Edition F.“  (ein Onlinemagazin für Feministinnen). „Muss man halt nur Fördergelder beantragen…“

Als ich mein Gegenüber anblicke, das zufälligerweise auch in einem Startup arbeitet, guckt es, als ob eines der Alien-Hirne von seinem Körper Besitz ergriffen hat – so mit starrem Blick und erweiterten Pupillen. Und dann merke ich, dass er sich ganz stark konzentriert, um einen Lachimpuls zu unterdrücken. Auch weil er meint, die Erwähnte mit dem Countryhouse erkannt zu haben. „Die war mal bei uns im Meeting“, flüstert er, und ich rufe ganz laut: „Nicht dein Ernst?“ Und dann schüttelt er resigniert mit dem Kopf: „Die wissen gar nicht, was das bedeutet, ein Startup zu gründen, was da alles dran hängt! Das ist wie in den Neunzigern, als jeder DJ werden wollte, aber keiner an die Übergänge dachte.“ – „Na, die wissen auch nicht, wie Feminismus geht“, gebe ich schmatzend zurück. „Wollen was für Frauen machen, ziehen aber erst mal schön über die Falten der Gründerin her.“

Den letzten Dumpling spieße ich mit dem Stäbchen auf. Dann gucken wir uns an, bis einer sagt: „Hauptsache erstmal Fördergelder beantragen, wa?“. Und jetzt lachen wir wie die beiden Alten aus der Loge der Muppet-Show.

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