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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Lesepatin – mein erstes Mal

Die Kids stehen in Gruppen auf dem Schulhof: verstohlene Blicke, schnelle Bewegungen, schrilles Auflachen von einem mit Stimmbruch, Boys mit Pickeln und Undercut, Girls mit perfekten Instagram-Makeups und großer Fresse. Die physische Präsenz der Pubertät ist enorm. Könnte man sie in Elektrizität umwandeln, wir wären für immer Platz Eins in den deutschen Energy-Charts

Am Gebäude aus rotem Backstein wird gebaut, im Waschraum gibt es Flüssigseife und Papierhandtücher, im Flur hängen Bilder im A4-Format. Schule, das war für mich immer ein passiv-aggressiver Ort mit neonbeleuchteten Klassenräumen, dem Physiklehrer mit dunklen Achselschweißflecken und einer knallharten Hofhierarchie.
Ich hatte die meisten Fehltage in meiner Klasse und diese chronische Wut im Bauch, ideale Zutaten für ein Leben als Außenseiterin, der man im Winter die Mütze mit Schnee stopfte oder ein „Schulschwänzerin“ hinterherschrie. Mit all meiner Teenager-Energie habe ich die Schule gehasst und nun stehe ich hier vor dem Sekretariat, wie bestellt und nicht abgeholt, frage mich, was ich hier eigentlich mache. Da war diese Frau auf einer Party, wir diskutierten über Integration. Ich beschwerte mich über die „Abgehobenheit einer intellektuellen Elite“ und sie verstand wohl meinen Punkt. Und dann hat sie die Story über ihre Lesepatenschaften aufgerollt, was sie da mit den Kindern erlebte, deren Neugier und die Direktheit, die sie umgehauen hat. Gleich am nächsten Tag googelte ich nach „Lesepatenschaft“. Auch weil ich dachte, dass ich es damals wahrscheinlich gut gefunden hätte, wenn jemand an meiner Seite gewesen wäre. In Berlin, man glaubt es kaum, gilt jedes dritte Kind als arm und Patenschaften werden geschlossen, wo der Anteil von lernmittelbezuschussten Kindern besonders hoch ist. Wedding, Weißensee, Lichtenberg – here we go! Drei Mädchen werde ich heute treffen (eine mehr als geplant, weil ihre Patin nicht auftaucht), zwei davon mit Migrationshintergrund. Keine von ihnen wird ein Deutsch-Buch dabei haben. Wir werden improvisieren. Ein Girl wird vorlesen und ich werde fragen, ob sie überhaupt versteht, worüber sie da spricht. Wir werden nicht bemerken, dass die Stunde schon rum ist. Sie werden etwas über Aussprache gelernt haben und ich etwas über Geduld. Es wird keine dankbar glänzenden Kinderaugen geben und keinen Sozialkitsch.
Später, beim Rausgehen, werde ich auf einen anderen Lesepaten treffen. Ich werde sagen: „Eigentlich hasse ich Schulen.“ Und er wird antworten:
„Ich eigentlich auch.“

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