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Jackie A. entdeckt… Böse Migrantenmänner in deiner Umgebung

Blöde Bild

Schritte hallten im leeren U-Bahnhof. Zwei dunkel gekleidete Syrer – oder wahren’s Afghanen? – steuerten auf mich zu. Dann, entgegen aller Befürchtungen, versuchte man nicht, mir eine Burka überzuwerfen oder gar mit einem Säbel dem europäischen Flittchen muslimische Manieren zu vermitteln. Man fragte nach der Bahn Richtung Rudow. Und ging seiner Wege.

Wie bitte, das war’s jetzt? Kam es einem nicht gerade so vor, dass sich Frauen und Homosexuelle demnächst besser zu Hause einschließen, weil böse Migrantenmänner unsere schwer erkämpften Werte bedrohten? Die Art, in der einige Medien zum Thema berichten, lässt zumindest den Eindruck entstehen. Nach der Euphoriewelle kommen nun also bedrohliche oder auch bewusst irreführende Schlagzeilen,

die dann im Text wieder relativiert werden. Wie schön, dass sich mit Angst noch Auflage machen lässt (Ironiemodus on)! Souveräne Berichterstattung hat mit Schlagzeilen wie „Sexualität: Muslimische Libido-Diktatur“ (Die Welt), „Neue Flüchtlingswelle: Jetzt kommen die Afghanen!“ (Bild) jedenfalls nicht viel zu tun. Dabei sind muslimische Migranten längst unter uns (hier bitte gedanklich unheimliche Weltraummusik unterlegen) und Notiz an uns selbst: Wir leben noch. Jetzt blos nicht falsch verstehen. Ich verstehe die Ängste. Auch für mich ist der Islam eine fremde Welt. 

Und richtig, es ist davon auszugehen, dass auch Frauen- und Schwulenverachtende unter den Flüchtlingen sein werden. Dabei wird nur leider viel zu selten erwähnt, dass genauso Homo- und Bisexuelle, und überhaupt alle Arten von Menschen einwandern werden, die herkommen um offen und unverfolgt zu leben –  alles Fans der Demokratie. Übrigens, meine Begegnungen mit der muslimischen Welt verliefen tendenziell eher nützlich. Mir fällt da die Suche nach einem öffentlichen WC in Kreuzberg ein, dessen Nutzung mir ausgerechnet in einem türkisch-arabischen Männercafй von freundlichen IS-Lookalikes gewährt wurde. Oder ein Vorfall im überfüllten Dönerladen an der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Nur noch ein Platz neben einem bärtigen Mann im Kaftan war frei. Wir ignorierten uns professionell, wie man es von Berlinern im öffentlichen Raum kennt. Als ich in meinen Döner beißen wollte, hob er plötzlich seine Hand und wedelte vor meinem Gesicht.

Eine Wespe flog aus meinem Fladenbrot. Kommentarlos aßen wir weiter – fremde Kulturen, schweigend vereint im aussichtslosen Kampf gegen Insekten. Mein Vorschlag: Keine Angst von Schlagzeilen machen lassen, mehr die längeren und differenzierten Texte lesen. Auch das hilft in der Krise.

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