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Jackie A. entdeckt… Die schöne Sonnenliegenleere

Sommer in Berlin

Bitte begrüßen Sie mit mir den Sommer in einem neuen gastronomischen Multifunktionsobjekt auf dem Gelände des RAW. Ich rate zu einem Besuch des Haubentaucher, wenn auch aus anderen Gründen, als vermutlich die Betreiber es tun würden. Mir ist schon klar, dass alteingesessene Berliner dem RAW-Areal ähnlich skeptisch gegenüberstehen wie Mallorquiner dem Ballermann. Jedoch lohnt es sich ab und zu, alte Vorurteile neu zu beleuchten. Es sei denn, man möchte diesen heute mehr denn je inspirierenden Ort allein den Touristen überlassen. Ein Trick ist, nicht des Nachts aufzukreuzen, sondern zu einem für internationale Partymeilenfans äußerst öden Zeitpunkt, zum Beispiel wochentags um 14 Uhr. Dann ist hier noch nicht viel los und Sie können das Gelände erschlendern, die neueste Street-Art begutachten oder sich ungestört einen der leckeren Burritos bei Emma Pea reindengeln. Um die Uhrzeit öffnet auch der Haubentaucher, der erst mal wie eine große, platt-sanierte Enttäuschung daherkommt. Hat man schlecht gelaunt drei Euro Eintritt bezahlt und die Überquerung eines komplett fantasielosen Biergartens geschafft, eröffnet sich ein großzügiges Pool-Areal mit türkisblauem Wasser, Palmenwedeln, orangen Liegestühlen und unverbautem Blick auf den Sommerhimmel. Das kurze Miami-Feeling wird von der unfancy wirkenden Backsteinhalle im Hintergrund sofort wieder zurechtgerückt. „Aber dit is ja dit, wat Berlin ausmacht, wa?“–  Na sie wissen schon.
Dass ich diesen Ort lobe, liegt übrigens weniger an der gastronomischen Umsichtigkeit – der Barmann wollte mehr fürs Getränk abkassieren als auf der Karte ausgewiesen – und mehr an dem großen Pool und dem (noch!) vorhandenen Platz drumherum. Wer einmal am Wochenende auf dem Arena Badeschiff war, wird wissen, wovon ich spreche. Bei meiner Ankunft waren hier geschätzte zwei Drittel der Sonnenliegen unbelegt, im Wasser erfrischten sich anderthalb Personen (Mutter mit Kleinkind). Ich weiß nicht, wie lange sich dieser Luxus in der City halten kann. Daher rate ich Ihnen, unverzüglich Ihre Badesachen zu packen und loszufahren – am Wochenende dann gerne auch etwas weiter, zum Beispiel an den Stolzenhagener See oder meine Stammbadestelle am Rahmer See nördlich von Berlin. Da gibt es statt Miami-Palmen noch Filterkaffee im Pott sowie einige der letzten in Brandenburg artgeschützten Steißbeingeweihe zu erleben. Aber auch Schriftsteller auf der Suche nach Inspirationslosigkeit und Modedesigner, die hier mal so richtig schön unmodisch sein dürfen. In Badehose sind wir ja alle gleich. Also begrüßen sie mit mir den  Sommer wann und wo immer es geht! -Es könnte ja immer auch der letzte sein.

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