Stadtleben

Jackie A. entdeckt… Die Wellness-Null

Jackie A. entdeckt...  Die Wellness-Null

Der Berliner ist unbewellbar. Jeden noch so mickerigen Schnupfen fängt er sich ein, aber gegen Entspannung hat er körpereigene Immunzellen entwickelt. Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht, blickt eine blasse und schlecht gelaunte Wellness-Null zurück. Der Berliner kann nur gestresst und/oder besoffen existieren, das wusste schon Harald Juhnke. Und auch ich erhielt meine Lektion gerade im neuen Premium-Spa Vabali. Ein hervorragender Ort und vielleicht die beste Wellness- Anlage der Stadt. Die größte ist sie mit 20.000 Quadratmetern auf jeden Fall schon mal.

Mit tropischen Wandmotiven, dunklem Holz, viel Grün, Buddha-Staturen und bunten Kissen möchten die Betreiber eindringlich Südsee-Ambiente vermitteln, doch die Rechnung wurde offenbar ohne die Gäste – in der Mehrzahl Berliner – gemacht. So wurde ich Zeugin, wie auf unnachahmliche und typische Berliner Art der luxuriöse Tempel der Sinne atmosphärisch in ein Gartencenter mit FKK-Anschluss umgewandelt wurde. Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, ich bin ja selbst Teilzeitberliner, finde uns oft witzig und manchmal sogar charmant. Aber in einem Wellness-Tempel sind wir eine Zumutung, nicht zuletzt für uns selbst. Wir sind unser eigenes Wellness-Desaster, denn Entspannung braucht Muße und dafür hat der Berliner ja nu überhaupt keene Zeit, wa. Er ist vielmehr am Limit: zeitlich, gesundheitlich, nervlich. Überhaupt schien das Nervenkostüm so zerrupft, dass viele Besucher schon vor dem ersten Saunagang, spektakulär kontrastiert zum weißen Gesäß, einen hochroten Kopf trugen. Da war es mit der Toleranz natürlich auch nicht weit her  und hier und da ging jemand in die Luft – wenn es sein musste, auch kurz vorm Klangschalenritual in der Kräutersauna.

Dort saß ich mit einer Bekannten und wir wechselten ein paar Worte im Flüsterton. Da erhob sich hinter mir eine hummerrote Gestalt vom Handtuch und brüllte: „Hören Sie auf zu quatschen oder verziehen Sie sich gefälligst raus!“ Die Frau wirkte wie ein lange nicht mehr gewartetes Atomkraftwerk: äußerst bedrohlich. Schon aus Sicherheitsgründen habe ich das Flüstern sofort eingestellt und die Sauna verlassen. Auf der Suche nach Zerstreuung legte ich mich an den Außenpool. Die Sonne arbeitete sich gerade hinter Wolken hervor. Doch bevor ich mich darüber freuen konnte, kam es zu Turbulenzen auf den Liegen neben mir. Ein Paar hatte eine Auseinandersetzung, in der es um einen vergessenen Bademantel ging, dabei konnte man sich so einen hier auch ausleihen. Am Ende landete ich, die Getränkekarte studierend, im Restaurant. In weiser Voraussicht bietet man hier, auf die speziellen Berliner Bedürfnisse zurechtgeschnitten, neben gesunden Tees auch diverse alkoholische Getränke an. Eine gute Entscheidung, denn der Berliner ist unbewellbar.

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