Stadtleben

Jackie A. entdeckt… Ein Resümee

Jackie A. auf dem Land

Haben Sie mal darüber nachgedacht, Berlin den Rücken zu kehren für ein Leben auf dem Land? Ich habe diese Idee in die Realität umgesetzt, vor neun Monaten meine Wohnung gekündigt und wohne seither mit Mann und Katzen in einem winzigen Wald- und Wiesendorf ohne Supermarkt, aber mit Bahnanschluss nach Berlin. Lohnte sich die Stadtflucht? Zeit für ein Resümee.
Als erstes wurde klar, dass ein Leben im ewigen Urlaubsmodus eine Illusion ist, denn die Steuererklärung oder ein abgestürzter Rechner sorgen in der Dorfidylle genauso wie in der Stadtwohnung für zünftige Wutanfälle. Auch gewöhnungsbedürftig: Bar- oder Clubbesuche in der Hauptstadt müssen nun geplant werden. Inzwischen habe ich mich mit Smartphone-App („Ally“ für Bus und Bahn), festen Mitfahrgelegenheiten sowie einer neuen, relaxten Attitüde arrangiert. Überhaupt höre ich inzwischen sehr viel Reggae. Die nächste Erkenntnis: In Berlin wohnen ja so viele schlaue Menschen! Jetzt lachen Sie nicht, das meine ich unironisch. Statt Philosophisches, politische Hintergründe oder über eine neue Ausstellung sind die Themen hier limitierter: Wann kommt die Müllabfuhr? War es ein  Marder oder ein Waschbär, der letztens aufs Grundstück schiss?  Die Welt wird außerhalb der Großstadt nicht weiter und mit verschrobenen Anschauungen oder Vorurteilen über „die Ausländer“ muss man, selbst in einem Dorf, das überwiegend links wählt, erst einmal klarkommen. Ist das geschafft, kann man nur noch gewinnen. Der Nachtschlaf, der außerhalb des Berliner Mieteralltags zum ersten Mal tief und erholsam ist, ein Reh am Morgen im verwilderten Garten oder Joggen mit Feldblick ist tatsächlich so gut, wie es sich anhört. Inzwischen bin ich sogar Fan der „Nicht-Anonymität“ geworden. Klar war es praktisch, in der Großstadt alles tun und lassen zu können, ohne das sich jemand darum schert. Aber es lebt sich auch angenehm in einer Umgebung, in der der Einzelne nicht egal ist und man sich auf unspektakuläre Art hilft. Da werden kommentarlos Leihgaben an die Türklinke gehangen, man fängt die ausgebüchsten Ziegen von nebenan ein oder schafft die Mülltonne der 91-jährigen Nachbarin vor die Haustür. Ein stiller Höhepunkt ist der Wald als Krisenmanager. Du gehst mit einem Problem, im Streit oder in schlechter Stimmung hinein und kommst befriedet wieder raus – immer! Ich kann nicht erklären, woran das liegt, aber es funktioniert. Der Wald in der Nähe ist vielleicht das Beste, was einem Menschen passieren kann. Daher meine Empfehlung: Kommen Sie aufs Land, es sind genug Bäume für alle da.

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Ein Resümee

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