Stadtleben

Jackie A. entdeckt… Johannisbrotbaum

Katze mit keinem Johannisbrotbaum

Ob es uns nun recht ist oder nicht: Mutter und Vater sind meist die ersten Quellen unseres Wissens und schon früh wurden äußerst fragwürdige Informationen in unsere Köpfe gepflanzt, die ein Leben lang nachhallen. So vermeide ich, obwohl ich es längst besser weiß, bis zum heutigen Tage zu schielen, weil sonst die Augen, so wurde mir erläutert, in einer Art Schockstarre für immer stehen bleiben könnten. Eine spontane Facebook-Umfrage förderte noch mehr ans Licht. Da ist die Rede von Laugengebäck, aus dem, wenn man es leise verzehrt, das Weinen der Bäcker zu hören sei, weil sie  bei der Herstellung mit Salzlauge so litten (Danke Emma!)  Es wurde vor dem Verschlucken von Kirschkernen gewarnt, weil sonst ein Baum im Körper wachsen, und vor Flöhen im Leitungswasser, die im Bauch überleben könnten (Danke Jens!). Die Liste ist noch länger und bis heute wird an ihr gestrickt, inzwischen allerdings von uns selbst. Wirklich, wir sind ja kein Stück besser als unsere Eltern! Ich möchte die These an meinem persönlichen Super-GAU, dem Johannisbrotbaum, genauer gesagt dessen Mehl, illustrieren. Für mich war das eine Erfindung der Nahrungsmittelkonzerne, also etwas, das gut klingt, aber nicht real existiert, so wie die „Piemont Kirsche“ in den Mon Chйris. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass in der Werbeabteilung von Nestlй oder Kraft schlaue Leute den ökologisch-sympathischen Begriff für ein billiges, chemisches Zusatzprodukt entwickelt hatten, damit es nicht danach klingt, was es in Wahrheit doch sein musste: etwas, das nicht in ein gesundes Lebensmittel gehört, sondern der Gewinnmaximierung dient. So kam es zum ehelichen Showdown vor der Kühltruhe bei Rewe. Mein Mann las laut die Inhaltsstoffe des Bio-Erdbeersorbets vor. Für mich klang alles okay – bis auf jenes Mehl. Es entspann sich eine lautstarke Diskussion, bei deren Höhepunkt ich durch den Supermarkt höhnte: „Johannisbrotkernmehl? Hahaha! Was soll das bitte sein? Hast du irgendwo schon mal einen Johannisbrotbaum gesehen? Nein? Merkst du nicht, wie wir Konsumenten verarscht werden?“ Vermutlich hätte ich auch ein paar der inzwischen um uns versammelten Kunden überzeugt, hätte K. nicht in sein Handy geschaut. Was folgte, war einfach nur niederschmetternd: Hunderte Einträge und Fotos eines wunderschönen mediterranen Baumes, dessen Früchte auch noch blutfettsenkend wirken. Die Pläne meines Mannes, nun einen Johannisbrotbaum als Mahnmal für Fehlinformationen auf unserem Grundstück zu pflanzen, konnte ich gerade noch verhindern. Gegen die Entstehung moderner Mythen bin ich dagegen weiterhin machtlos.

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Jackie A. entdeckt… Johannisbrotbaum

 

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