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Jackie A. entdeckt… Lebensabschnittsfrisur

Jackie A. beim Friseur

Eine neue Frisur ist wie ein neues Leben, so sagt man. Aber was, wenn gar kein neues Leben anvisiert wurde oder das neue Leben versehentlich optisch dem einer früh verrenteten Telefonistin entspricht? Wie erklärt man der Umwelt, dass dies ausdrücklich NICHT ihr neues Leben ist, sondern nur ein Missverständnis mit dem Coiffeur? Man könnte es ja mit Lässigkeit nehmen, weil Haare durchschnittlich 0,33 Millimeter am Tag wachsen und damit das Problem nur temporär ist. Zudem gibt es Hilfsmittel wie Klemmen und Zopfgummis für die schwierige Phase. Mit diesem Wissen bin ich über die Jahre zu einer immer risikobereiteren Friseurkundin gereift.
Ich habe alle Arten von Frisuren nach Hause gebracht, darunter im Stil einer 20er-Jahre-Filmdiva oder im Look eines Gewerkschaftsführers der GDL. Das alles hat mir nicht geschadet. Denn der Mehrwert hier ist nicht etwa die Frisur selbst. Es ist das Prozedere, der Friseur und seine Geschichten. Da ist es nur konsequent, sich zusätzlich auch als Testobjekt für Coiffeure in Weiterbildung anzubieten. Letzte Woche im Farbseminar kamen zwei Friseure auf eine Testperson. Was bedeutete, dass,  während sich zwei Gehirne eine Farbe überlegten, vier Hände meinen Kopf schamponierten. Eine ganz neue Entspannungsdimension! Eine Friseurin gefiel mir besonders, sie hatte italienische Wurzeln und einen Blick, der Lebenserfahrung verriet. Sie redete nicht viel, beobachtete aber um so besser. Sie fragte, welchen Beruf ich ausübe, und als ich ihr „Schreiben“ antwortete, meinte sie nur: „Si, das passt.“ Ich offenbarte ihr ein paar private Details. Im Gegenzug berichtete sie, wie sie vor ein paar Jahren Hals über Kopf Italien verlies. Dass sie mit ihrer kleinen Tochter vor einem gewalttätigen Ehemann in einerspektakulären Aktion geflüchtet sei, an deren Ende sie im Friseursalon eines westdeutschen Städtchens landete – alleinerziehend und, wie sie sagte, glücklich im Traumberuf. Nach dieser Info hätte sie eigentlich alles mit meinen Haaren machen können. Als sie beschloss: „Wir machen jetzt eine Marilyn aus dir!“, hielt ich das noch für eine kleine Friseurironie. Als ich aber mit dem Kopf im Waschbecken hing und jemand rief: „Wow, that color! Like Vivienne Westwood!“, ahnte ich den Irrtum. Drei Stunden später begrüßte ich im Spiegel eine superblonde und auf irgendwie italienische Weise viel zu opulent aufgeföhnte Person. Ich konnte gar nicht anders, als auch das toll zu finden. Dieses Haar wurde mit Leidenschaft gestaltet! Da wurde neben Conditioner menschliche Wärme und weibliche Solidarität eingeknetet. Das macht – zum Glück!– noch kein neues Leben, ein gutes Gefühl bereitet es allemal.

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Jackie A. entdeckt… Lebensabschnittsfrisur

 

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