• Stadtleben
  • Jackie A. entdeckt… Lebensgefährliches Leben

Stadtleben

Jackie A. entdeckt… Lebensgefährliches Leben

Leben Sie!

Wahnsinn, wie lebensgefährlich das Leben ist. Einmal
unachtsam die Straße überquert oder beim Fensterputzen auf der Leiter
von der Sprosse gerutscht, der Würfelqualle im Badeurlaub zu nahe
gekommen, auf ein zu langes Seil beim Bungee-Jumping vertraut, in ein
defektes Flugzeug gestiegen, ein Schild „Vorsicht, Dachlawine!“
übersehen oder einfach einem schwarzhumorigen Schicksal ausgeliefert
– der Tod schaut immer über die Schulter. Mein halbes Leben habe ich
mit Sorge um eben jenes verbracht und heute beschlossen: Es reicht. Ich sterbe, Sie sterben – wir werden alle sterben! Also warum sein Dasein mit Ängsten belasten? Ich gebe zu, der Zeitpunkt ist ungünstig gewählt. Jetzt, wo der Terror in Europa Geschichte schreibt, die Bedrohung selbst auf Berliner Plätzen allgegenwärtig wird und Amerika mal eben eine Reisewarnung für die ganze Welt herausgab, sind ein bis 200 Sorgenfalten schon angebracht. Nur nutzen all die Ängste nichts.
Sie schaden, weil sie uns Kraft rauben, uns verunsichern, einengen und
klein machen. Und ernsthaft, wenn es mit dem Leben plötzlich vorbei sein
sollte, will doch niemand von sich sagen: „Zuletzt war ich ein kleines,
verängstigtes Würstchen.“ Wenn es schon nach Weltuntergang riecht,
möchte ich bitte schön die letzten Stunden bis Jahre genießen, mit allen Sinnen und Möglichkeiten am Leben teilnehmen, mich „wie Bolle“ amüsieren und lade Sie hiermit ein, dies genauso, wenn nicht noch schlimmer zu tun. Seien Sie wild! Freuen Sie sich wie verrückt Ihres Lebens! Versprühen Sie Liebe! Wie dies im Angesicht von Terror funktionieren kann, erlebte ich vor fast 20 Jahren in Tel Aviv.
In einem Bus der Linie, mit der ich am Nachmittag zu meinen Freunden
fuhr, explodierte nur zwei Stunden später eine Bombe, drei Menschen
starben. Als wir die Bilder im Fernsehen sahen, meinten meine Freunde:
„Daran gewöhnt man sich nie.“ Und: „Das wird auch bei euch mal so sein.“
Ich rätsele bis heute, wie sie zu dieser Prognose kamen, ganz falsch
lagen sie ja nicht. Später dann flanierten wir auf der Shenkin Street,
so einer Art Tel Aviver Torstraße. Und noch immer unter den Eindrücken der Busexplosion,
erschien mir der Abend intensiver als sonst – der Himmel, auch die
Menschen, so viel  lebensfroher, temperamentvoller als zu Hause. Es
wurde eine exorbitant gute Nacht. Das plötzliche Bewusstsein über die allgegenwärtige Möglichkeit des Todes taugte offenbar als Elixier zur Steigerung der Lebensfreude. Zeit für einen neuen Schluck aus der Flasche. Auf das Leben, jetzt und sofort! Es ist das Kostbarste, was wir haben.

Kommentare: ?[email protected]??

Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Lebensgefährliches Leben

Mehr über Cookies erfahren