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Jackie A. entdeckt… Sie haben da Theater in ihrem Hackfleisch

Jackie A.

Sie haben Castorfs letzte Aufführung in der Volksbühne verpasst? Sie fanden nichts zum Anziehen für die Premiere von „Faust“ am Berliner Ensemble? Sie sind der Meinung, dass Theater endlich wieder einen größeren Spielraum in Ihrem Leben einnehmen sollte? Dann denken Sie jetzt um! Und denken Sie bitte auch an gebratenes Hackfleisch. Alles, was Sie brauchen, ist ein großes Badehandtuch und ein stabiles Verdauungssystem. Wer Theater sucht, muss nicht unbedingt für Stunden in unbequemen Sitzen verharren. Denn jemand hat die Marktlücke erkannt und zwei interessante Branchen zusammengeführt: Schauspielerei und Saunakultur – vereint in Brandenburgs größter Theatersauna. Beim Fichtennadelaufguss Kafka erleben? Schwitzen, während der Hauptdarsteller sich vor Ihren Badelatschen windend, in eine Kakerlake verwandelt? Das klingt ja nun nicht uninteressant. Gut. Ich kann jetzt nicht garantieren, dass Castorf oder Ostermeier in der, Zitat, „Sauna mit Wow-Effekt“ inszenieren, glaube aber, dass hier auch gar kein Star-Dramaturg nötig ist. Durch ein Werbeplakat wurde ich auf die Weltneuheit aufmerksam und dachte sofort: Diese Idee kann nur von einem Ossi stammen. Die Faszination für FKK-Kultur und Hildegard-von-Bingen-Heilmethodik, das Vergnügen an heruntergebrochener Exotik (Ananasscheibe aus Dose auf Steak) und die Bereitschaft zur Improvisation auch unter schwierigsten Bedingungen (Diktatur, Sauna) vereinen uns. Weil ich mich diesem Ansatz aus nachvollziehbaren Gründen (selbst Ossi) verbunden fühle, wünsche ich der Theatersauna einen kometenhaften Aufstieg.
Dennoch hätte ich Verständnis, wenn Ihnen die Anfahrt zum Scharmützelsee heute zu beschwerlich erscheint. Das Plakatdesign jedoch sollten Sie einen Moment auf sich wirken lassen. Die Werbetafel hängt in Pankow, gleich um die Ecke vom Schiller Burger, dem vielleicht einzigen Burgerladen Berlins, der den Mut fand, seine Pommes Frites nach einem bürgerlichen Trauerspiel zu benennen. Auch wenn der nette Mann mit den Dreadlocks hinter der Theke auf meine Anfrage fast schon peinlich berührt reagierte und schwört, dass die Zubereitungen rein gar nichts mit Theater zu tun hätten – die Namen auf der Karte sind doch entlarvend: „Kabale und Liebe“ für Pommes. Oder „Der Handschuh“ – ein Rote-Bete-Burger. Lassen Sie sich von der Theatralik dieses Hackfleisch-Imbisses inspirieren! Sie dürfen dafür sogar angezogen bleiben.

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