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Jackie A. entdeckt… Vergoldete Zahncreme

In der Zahnklinik

Die Menschheit geht den Bach runter, so viel steht fest. Aber wenn unsere Spezies schon abdanken muss, dann doch bitte im großen Stil – in den Swarovski-Kronleuchtern geschmackloser Glaspaläste am Potsdamer Platz schaukelnd, sich gegenseitig mit Champagner aus Magnumflaschen bespritzend, das wahnsinnige Lachen von gold polierten Zähnen gerahmt … na, Sie wissen schon. Ein Vorteil an meinem Beruf sind Einladungen zu Events, die einen Einblick in komplexe und geheimnisvolle Welten erlauben. Zum Beispiel in die von „Lindermanns tierischer Komplettnahrung“ – inklusive Fototermin mit dem TV-Tierarzt Ralf Lindermann zum Tag des Hundes. Oder zum „After-Work-Presse-Cocktail“ in einer Luxuszahnklinik, bei dem eine Zahnpasta mit knapp 24 Karat Goldanteil vorgestellt wurde. Man kann solche Einladungen
ignorieren oder vor Wut über so viel Dekadenz die Veranstaltung „Gegen dekadente Mundhygiene – friedliche Demo vor der Zahnarztpraxis KU 64!“ auf Facebook erstellen. Oder aber man versucht es, wie ich, mit ein wenig halbherziger Empathie.  Denn auch in der Welt russischer Oligarchengattinen und Arabischer Ölscheichs wird in Kopfkissen geschluchzt,  genau wie im Alltag einer Lidl- Kassiererin, nur eben aus anderen Gründen und in hochwertigere Bezüge. Zur besseren Veranschaulichung der Problematik wurde Schauspielerin Julia Dietze („Iron Sky“) angagiert, die zwischen Cocktails und Lachshäppchen erläuterte, wie es sich anfühlt, seine Zähne mit Goldzahnpasta zu putzen. Frau Dietze: „Es ist erst mal sehr abgefahren, weil die Zahnpasta golden ist, man hat dann diese wunderschönen goldenen Pigmente drin. Es glitzert sehr, sieht sehr schön aus. und dann schmeckt sie so, ja, sehr orientalisch, orientalisch-minzig. Leicht süß aber trotzdem frisch und. Also. Ich find sie sehr lecker und ich hab gemerkt das es funktioniert , also das es wirklich Zahnverfärbungen erhellt.“
Nach dem fesselnden Vortrag über Zahnhygiene aus Perspektive des Filmstars wurden Pressevertreter in den Waschraum geleitet um sich  dort alle gemeinsam die Zähne zu putzen– ein Eventputzen sozusagen. Es fiel mir nicht leicht, den knapp 24-karätigen Schaum einfach so ins Waschbecken zu spucken. Andererseits wäre es peinlich gewesen, ihn in ein Taschentuch oder gar die Handtasche zu speien. Weiterhin arm und unwohlhabend fühlte ich mich bei einer Führung durch die Praxis, deren Inneneinrichtung mich an eine Mischung aus Orangensaftpresse und Raumschiff erinnerte, laut Pressesprecher jedoch „Dünen am Meer“ nachempfunden ist. Als dann auch noch eine Geschenktüte mit besagter Zahncreme inklusive vergoldeter Zahnbürste überreicht wurde, war ich ernsthaft beeindruckt. Solche Geschenke mögen in der Schweiz Usus sein, in Berlin kann man damit die Altersvorsorge einer Selbstständigen erheblich verbessern. Ich plane jetzt nach Vorbild amerikanischer Goldwäscher, statt aus Flusssedimenten den Staub aus der Zahncreme zurückzugewinnen. Wenn Ihnen eine bessere Verwendung einfällt, geben Sie mir bitte Bescheid. Ich freue mich über jeden Hinweis!

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Jackie A. entdeckt… Vergoldete Zahncreme

 

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