Stadtleben

Jackie A. entdeckt… Wood Wide Web

Der Wald

Wenn mal wieder die große Depression naht, Fragen nach Sinn und Unsinn des Lebens oder einfach nur ein Haufen Wut verarbeitet werden muss, dann ist er da. Schweigend nimmt er jeden in Empfang, der Ruhe, einen Platz zum Schreien oder einfach nur einen Baum zum Dranpinkeln braucht: Der Wald ist ein stark unterschätzter Ort und einer der letzten, an denen man echte Magie erleben kann. Ein dutzend Yoga- und Meditationszentren in Mitte und Prenzlauer Berg könnten sofort dicht machen, würde der Berliner die Strecke bis zum Stadtrand in Kauf nehmen. Denn dort wird das genialste Meditationszentrum gratis von Ameisen und Pilzen betrieben.
An dieser Stelle muss ich über meine Abhängigkeit sprechen. Was für die einen Spielcasinos, Alkohol oder der Puff, ist für mich der Wald. Drei mal die Woche muss es schon sein sein, Tendenz steigend. Nicht selten laufe ich schlecht gelaunt mit hektischen Flecken am Hals hinein und komme Stunden später tiefenentspannt wieder raus. Wie ich schon sagte: Magie! Selbst wenn sie einem nur in Form eines Mistkäfers begegnet, der im Flug krachend an der eigenen Stirn landet. Das Insekt brummt davon, der Mensch staunt über die Schlagkraft des Mini-Insektenpanzers.
Dabei hat der Gang durch den Wald immer etwas Unwirkliches. Es ist, als spiegelten Astgabeln und verzweigte Pfade das eigene menschliche Gefäßsystem wieder, als führe jeder Schritt tiefer in den Wald, automatisch auch näher zu einem selbst. Dieses Gefühl einer tiefen Geborgenheit, das sich einstellt an einem Ort, an dem man genauso gut verschreckt (wie in einem „Aktenzeichen XY“ – Einspieler) durchs Geäst hüpfen könnte, ist absolut bemerkenswert. Vielleicht liegt es daran, dass Bäume, so meint der Förster und Autor Peter Wohlleben, über eine eigene Gefühlswelt verfügen und in enger Sozialgemeinschaft in einem „Wood Wide Web“ kommunizieren. Ein anderer Grund könnte sein, dass einem der gnadenlose Kreislauf von Leben und Tod hier so verführerisch präsentiert wird. Im schönsten Rot und Gelb leuchtet das Laub kurz vorm Zerfall. Tautropfen besetzen als glitzernde Diamanten ein Spinnennetz, bevor der Wind es zerreißt. Der Geruch von frischen Blaubeeren und Tannennadeln ergänzt auf bizarre Art das Bild des verottenden Vogelkadavers im Unterholz, der im weichen Herbstlicht wie ein Gemälde erscheint. Der Wald zeigt uns die Schönheit auch im Grauenhaften – zumindest, bis der nächste Mistkäfer gegen die Stirn kracht.

Foto: annelueth.de

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