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Jana Herwig über den Wandel der Musikbranche

Jana_HerwigZuerst klang alles wie ein Witz: „Popkomm abgesagt. Grund: Pirate Bay“, schrieb ein Freund in seinem Facebook-Update, das ich auf der Fahrt nach Hause in der U-Bahn las. 15 Minuten später die gleiche Botschaft, jetzt von FM4-Host Dave Dempsey via Twitter: Internetpiraterie hätte die Popkomm umgebracht, zumindest in der Deutung des Messegründers und Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes Musikindustrie, Dieter Gorny: Die digitale Krise schlage voll auf die Musikwirtschaft durch, und viele Unternehmen könnten es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen. Digitale Krise? Selten kam mir ein PR-Stunt so schlecht getarnt entgegen – „Liebe Leute in Berlin!“, twitterte ich meine digitalen Krisengefährt/-innen an, „könnt ihr es schaffen, eine bottom-up Popkomm zu organisieren?“ Als Label, wie das Microbloggende so tun, fügte ich das Hashtag #unkomm an. Zwölf Minuten später dann die Antwort aus der Hauptstadt: „Berlin ist eine einzige große #unkomm, daher findet die #popkomm hier nicht mehr statt. :-)“. Eine #unkomm – verblüfft, wie gut die momentane Eingebung trug, schwang ich mich ohne Abendessen auf mein Blogtier und begann zu schreiben.

Was, so die erste Frage, wäre die probate Reaktion, wenn Menschen Technologien erschaffen, die es erlauben, die Zwischenhändler ihrer Geis­tes- und Kulturgüter zu überspringen: die Technologien anprangern und versuchen, die Politik zu zwingen, einstweilig Schutzzonen für die Zwischenhändler zu errichten? Mit demselben Argument das alljährliche Branchentreffen absagen, statt dieses für eine Analyse der vermeintlichen Bedrohung zu nutzen? Wer oder was sollte überhaupt im Zentrum stehen – das Kulturgut oder die Zwischenhändler? Und was wäre, wenn dieselbe digitale Teufelstechnologie, der die Musikindustrie ihre Krise andichtet, ein exzellentes Mittel wäre, um einen Austausch und Diskurs in Gang zu bringen, in den alle Interessierten sich niederschwellig einbringen können: ohne teuren Messestand, ohne großes Eventmarketingbudget, ohne VIP-Zelt und kostspielige A-List- wie Publikumsbespaßung.

Eine im hybriden Feld von Meat Space und Social Web organisierte Bottom-up-Musikmesse könnte wie folgt aussehen: Messe mit minimalem Marketingbudget: Ganz im Ernst – die gebrandeten T-Shirts, Tassen und Taschen, die Tonnen Flyermaterial, die agenturbetreute Website, das braucht es alles nicht. Ein Blog mit Open-Source-Software und kostenlosen Hosting-Diensten ist schnell erstellt. Man braucht ein simples Logo, das auch in Schwarz-Weiß auf einem billigen Drucker gut ausgedruckt werden kann, das wandern und weiter- gegeben werden kann. Das Weitergeben muss im digitalen wie im analogen Raum gut funktionieren – #unkomm ist kein Fest der Digitalexzentrik, sondern eine Andockstelle für alle, die es angeht.
Eine Messe mit Themen, die von den Menschen kommen: Ähnlich wie die mit dem Web organisierten Barcamps den Wissensaustausch auf offenen Konferenzen revolutioniert haben, gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass sich Musikjournalist/-innen, Musikschaffende und Branchenvertreter/-innen nur näherkommen können, wenn das Ganze in klimatisierten Räumen mit Zugangsbeschränkung stattfindet. Gerade für die Themen, die Künstler/-innen am Herzen liegen, ist ein Barcamp-artiges Format viel besser geeignet. Anstelle eines zentral verwalteten Themenkanons kommt aufs Programm, was real existierende Menschen mitbringen. Messe als dezentrale Konzertreihe: #unkomm endet nicht an einem Ort und nicht innerhalb eines Rahmens. Menschen mit Musikbedürfnis, kreativ, aktiv, multiplikativ, gibt es überall, ebenso Venues für Musik und Konzerte. Unter dem Dachbegriff #unkomm veranstalten Musikschuppen aller Arten und Größen ein dezentrales Musikfest. #unkomm findet weiterhin überall statt, wo Menschen sich mit Musik und ihren Bedingungen auseinandersetzen, auch ohne den Auftrag der Musikindustrie.

Die Zeit für #unkomm war längst reif – viele Menschen basteln und bastelten bereits an ähnlichen Ideen, einige wurden und werden auch schon umgesetzt: Fucking Independent in Köln etwa, POP UP in Leipzig oder die Future Music Camps in Mannheim und demnächst Wien (10./11. Ok-tober 2009). Und natürlich: #camp und #conference und #cloud der all2gethernow sowie die BerMuDas (Berlin Music Days) für elektronische Musik in Berlin. Eigentlich hätte an diesen Tagen die Popkomm stattgefunden. Wenig hat die Organisatoren der Musikmesse interessiert, dass viele Musik- und Branchenschaffende sich daran ausgerichtet, Alben-Releases drum herumgeplant, Venues gecheckt hatten – all2gethernow, bottom-up und im Web organisiert, fängt sie nun auf. Worum ging es noch mal bei der angeblichen digitalen Krise?
Immerhin: Ohne diese Absage hätte der Durchbruch des Prinzips #unkomm vielleicht noch eine Weile auf sich warten lassen. Und natürlich hat nicht meine Frage, ob Berlin es schafft, ein solches Event zu organisieren, den Anstoß gegeben – vielmehr waren es die schon länger spürbaren Schwingungen dieser digital-analog-hybriden Transformation, die mich dazu brachten, diese Frage und im Anschluss daran ein Strategiepapier für eine Bottom-up-Musikfachmesse zu formulieren. Erhebend ist das aber schon: zu sehen, welche Zusammenhänge zwischen einer in Wien geschriebenen Blogpost und der Vernetzung von Personen in Berlin bestehen können. Liebe digitale Krise: Ich danke dir!

Jana Herwig ist Medien­wissenschaftlerin, Bloggerin, Electronic Frontier und Social-Media-Something, sie lebt und arbeitet in Wien. Siehe auch: http://www.google.com/
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Mehr zum Festival: 

all2gethernow Ankündigung 

Skandinavien-Festival bei all2gethernow 

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