Stadtleben

Jedes Event hat seinen Eventisten

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Nerds, Freaks, Kulturjunkies

Iris Berg ist keiner dieser Grenzfälle. Erst am Vortag hat sie im Haus der Berliner Festspiele bei einer Veranstaltung mit einer Karte vier Leute durch den Einlass bekommen. Sie war schon früher regelmäßig ohne Tickets beim heiß umkämpften Theatertreffen, weil sie an der Schaperstraße einen Techniker kannte. „Wenn du nur lange genug dabei bist, öffnet sich immer eine Tür“, sagt sie.

Berg geht seit vielen Jahren zu den Filmpressevorführungen in Berlin, obwohl sie keine Kritikerin ist. Womit sie sich zumindest in großer Gesellschaft befindet. Gerade in diesen Pressevorführungen versammelt sich eine verquere Community. Viele schreiben nicht oder nur pro forma. Es sind Nerds, Freaks und aus dem Tritt Geratene. Man kennt sich, aber bleibt auf Distanz. Von dieser komischen alten Frau mit dem Krückstock und den verwachsenen Armen, die man überall trifft, wissen zum Beispiel alle nur den Vornamen.

Schon als Iris Berg nach der Schule ein Jahr in New York verbrachte, schlich sie sich zur Pause in die Broadway-Musicals. Irgendein Platz war schon frei. Der Punkt ist aber: Die Frau zählt nicht zu den Gratisheimern und Berufsschnorrern. Sie ist Kulturjunkie. Angefixt seit früher Jugend. Wenn sie nicht ins Kino, ins Museum, ins Theater oder Konzert gehen kann, gerät sie regelrecht auf Entzug. Die Beziehung zum Vater ihres Kindes, sagt sie irgendwann im Laufe des Gesprächs, sei wahrscheinlich genau daran zerbrochen. Weil sie im ersten Jahr nach der Geburt ihrer Tochter kaum ausgehen konnte. Sondern in PEKiP-Gruppen unter Frauen saß, die über Windelpilz reden wollten, statt über William Forsythe.

Fünf Filme am Tag

Iris Berg, Ende 40, ist ausgebildete Architektin, sie hat sieben Jahre an der Humboldt-Universität als Bauleiterin gearbeitet. Kein schlechter Job. Nach Dienstschluss um 16 Uhr saß sie im Audimax-Kino. Und im Februar war sie regelmäßig zwei Wochen krankgeschrieben. Klar, Berlinale. 80 Filme in zehn Tagen. Sie hatte zwar Angst aufzufliegen. „Aber ich besitze ein Arsenal an Perücken“, erzählt sie. „Ich fuhr verkleidet von einem Kino zum nächsten und sah aus wie ein Transvestit.“ Dann kam der Unfall.

Berg stürzte vom Pferd, brach sich den Arm und die Hand – was nie wieder vollständig ausheilen sollte, der Arm bereitet ihr bis heute Schmerzen. Seitdem ist sie berufsunfähig und berentet. Was vor allem bedeutet: jede Menge Zeit für Kultur. „Wie bei Faust und Mephisto“, lächelt sie. „Ich habe einen Körperteil opfern müssen. Aber ich kann das Leben führen, das ich immer wollte.“

Berg ist bald an einen der Verteiler gelangt, in dem sämtliche Pressevorführungen Berlins gelistet sind. Nicht selten fünf am Tag. Die Aufstellung führt akribisch ein Berliner S-Bahn-Lokführer, der seinen Job auf 20 Stunden reduziert hat, um nebenher ein Online-Filmmagazin betreiben zu können.

Ein typischer Tag für Iris Berg? Frühfilm um 10, der nächste um 12.30 Uhr. Oder stattdessen eine Ausstellung im Gropius-Bau. Mittagessen mit einem Bekannten, der als Schnäppchenspezialist stets 2-für-1-Coupons dabei hat. Dann Karten besorgen für den Abend. Theater, Tanz, Performance. Egal. Wenn ihre Tochter beim Vater ist, nachmittags noch ein Film. „Ich bin ausgefüllt“, sagt Berg, „und manchmal richtig gestresst von meinem Programm.“ Was ihr fehlt: tieferer Austausch über das Gesehene. Ohne den, findet sie, sei Kultur eine ziemlich einsame Angelegenheit. „Die Eventisten“, resümiert Iris Berg, „sind zum größten Teil Einzelkämpfer.“

Berlin_Eventisten_Peruecke_82mmWie auch Bertolt Rademacher. Er zückt seine Visitenkarte. „Filmautor/Rechercheur“ steht darauf. Publiziert für Geld hat der 66-Jährige allerdings schon lange nichts mehr. Nur Cineast ist er geblieben. Rademacher hat in Babelsberg studiert, 1973 sein Diplom als Film- und Fernsehwirt gemacht, war von 1973 „bis zum letzten Tag 91“ beim DDR-Fernsehen. Er verantwortete dort die Sendung „Willi Schwabes Rumpelkammer“, eine Unterhaltungssendung über den deutschen Film der Jahre 1930 bis 1945. 1992 wurde Rademacher zum MDR geholt, wo er das Interview- und Porträt-Format „Zwischentöne“ aufzog. 60 Sendungen in den folgenden fünf Jahren, drei Hörstürze, dann ein neuer Westchef, dem die Altlasten nicht in den Kram passten. Sagt Rademacher.

Danach hat er nie wieder Fuß gefasst. Hat es ihn verletzt, wie er entsorgt wurde? „Ja natürlich“, sagt Rademacher. Er sitzt auf einer Bank am Ku’damm, unweit der Astor Lounge, ein schöner Herbsttag. „Ich war beim Sturm auf die Stasi-Zentrale dabei. Ich wollte eine andere DDR, aber nicht Bürger der BRD werden.“ Im Westen angekommen? Nie, bis heute nicht. „Deswegen suche ich mein Heil in der Kultur.“ Rademacher besitzt noch seinen Presseausweis vom deutschen Kritiker-Verband. Er schlägt seinen Terminkalender auf. Am Mittwoch vergangener Woche hat er zwei Pressevorführungen besucht, am Donnerstag drei, „nur ein Film war gut“. Er war beim Grab von Erwin und Eva Strittmatter. Hat Falladas Wohnhaus in Carwitz besichtigt. Am Samstag stand „Don Juan kommt aus dem Krieg“ am Berliner Ensemble auf dem Programm.

Für den nächsten Tag hat Rademacher die Pressekonferenz „Wien Berlin“ in der Berlinischen Galerie auf dem Schirm, übermorgen den neuen Woody-Allen-Film. Mit etwas aufzuhören, sei sehr leicht, sagt Rademacher. Nicht mehr ins Kino, ins Theater oder in Ausstellungen zu gehen. Aber was man einmal abgeschafft hat, ist für immer weg.“ Er blinzelt in die Ku’damm-Sonne. Er muss los, um 13 Uhr beginnt die nächste Pressevorführung.

Früher wollte er alles mitnehmen

Auch Max Hoffmeister, der Mann mit dem Schleicher-Netzwerk, hat noch etwas vor. Morgen fliegt er nach Sizilien, eine Last-minute-Billigreise. Später steht vielleicht noch eine Aftershow-Party an. Früher dachte ich, dass ich alles mitnehmen müsste, und war auch oft betrunken“, sagt er. „Mittlerweile suche ich mir die Events gezielter aus und trinke viel weniger. Vielleicht eine Alterserscheinung.“ Fragt man ihn, weshalb er diesen Eventsport betreibe, entgegnet er: „Man trifft interessante Menschen, die in dieser Konstellation wahrscheinlich nie wieder zusammenkommen.“ Aber natürlich sei auch ein Schuss Anarchie im Spiel, sagt Hoffmeister: „Wenn Punks sich überwinden würden, einen Anzug anzuziehen, hätten sie ungeahnte Möglichkeiten.“

Text: Patrick Wildermann

Illustration: Till Christ

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