Stadtleben

Jerusalem – Jenseits aller Norm

JerusalemDov sitzt auf einer Bank und knetet seine Hände. Die Kippa auf seinem Lockenkopf ist kurz davor, herunterzufallen. Wenn er spricht, fliehen seine Augen, suchen Halt in der dunklen Straße. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Dov ist nervös. Kein Wunder. Ohrringe mit blauen Plastik­kris­tallen baumeln von seinen Ohrläppchen. Er ist früh dran, zu früh für seine erste Dragqueen-Show, für die er diesen Montagabend aus seiner Siedlung in der Nähe von Hebron angereist ist. Dov ist schwul, er ist Siedler, und er hat Angst. Angst vor den Reaktionen anderer Leute, vor dem, was ihn erwartet. Und auch Angst davor, zu finden, wonach er sucht.

Die Siedlungen um Hebron gehören politisch wie religiös zu den radikalsten in der Landschaft von jüdischen Orten im Westjordanland. Jetzt sitzt Dov in der heiligen Stadt Jerusalem. Die Klagemauer, das Mekka der jüdischen Religion, ist wenige hundert Meter Luftlinie entfernt. Die Last des Zwiespalts zwischen Religion und eigenen Bedürfnissen macht ihn krumm und und lässt ihn einsam auf der Bank vor dem Hakatze Club sitzen. „Givald“ heißt die Veranstaltung, auf die Dov in diesem Moment wartet. Givald ist jiddisch und bedeutet „jenseits der Norm“ oder auch „nicht erlaubt“. Verschiedene Drag-queens aus Jerusalem machen bissige Kommentare über Politik, imitieren Lieder vom Anfang der 50er Jahre, als die „Neuen Hebräer“ ihren eigenen Staat bekamen und das Land aufbauten. Manchmal geht es auch um Sex.

In Jerusalem, dieser Stadt religiöser Superlative, führt die persönliche Sinnsuche nicht selten über den Weg mehrfacher Identitätskrisen. Benny kennt dieses Problem nur zu gut, er lächelt beruhigend. Er ist es, der Dov eingeladen hat, seine Siedlung zu verlassen, um nach Jerusalem zu kommen und Gleichgesinnte, nicht selten gleich Leidende zu treffen. Benny ist Mitglied der Gruppe Havruta, in der schwule orthodoxe Juden zusammenkommen und versuchen, den Konflikt von Religion und Sexualität aufzulösen, um beides im Einklang leben zu können. Sich dazu in Jerusalem zu treffen, bedeutet, sich heimlich treffen zu müssen. Der Druck der Radikalen ist groß, der Druck der eigenen religiösen Gemeinschaft kann vernichtend sein. Dov hat Havruta im Internet gefunden. „Gott hat mich ins Internet geführt, er hat mich hierher gebracht, und er wird gewusst haben, was er tut“ erklärt er demütig seine Situation und schaut beschämt weg, als die Dragqueens auf der Bühne beginnen, sich tanzend und in schlauchförmigen 80er-Jahre-Minikleidern gegenseitig in den Schritt zu fassen.

An den Häuserwänden Jerusalems prangen dieser Tage Graffitis, die einen orthodoxen Juden zeigen, bestehend aus den hebräischen Worten „Iran ze kan“ – Iran ist hier. Es ist ein gängiger Ausspruch, mit dem sich manche über den zunehmenden Konservatismus durch den Einfluss der Orthodoxen in Jerusalem beklagen. Jerusalem ist nicht nur traurige Hauptstadt des Nahostkonflikts, es ist auch Austragungsort innerer Zerwürfnisse der israelischen Gesellschaft. Dazu gehört die Konfrontation zwischen Religiösem und Säkularem. Die Einwohner Jerusalems beklagen täglich die ständig präsenten Spannungen in der Stadt, oder sie verfallen in genervte Gleichgültigkeit. An der Religion aber führt kein Weg vorbei. In einer Stadt mit der vielleicht höchsten Dichte der wichtigsten religiösen Heiligtümer pro Quadratmeter sieht man sie allerorten.

Jerusalem_DragqueensDie Religion zeigt sich in verschiedenen Gewändern, die Strenge, Richtung und Gott zeigen. Ihr Bedeutung schwingt mit, wenn orthodoxe Juden am Shabbat den vorbeifahrenden Autos das jiddische Wort „Shabbes“ hinterher rufen, um die Fahrer daran zu erinnern, dass es sich nicht gehört am jüdischen Ruhetag ein Vehikel zur Fortbewegung zu nutzen. Man hört daraufhin auch die Hupe oder die lauter gedrehte Stereoanlage, die die Orthodoxen darauf hinweisen, dass es säkulare Juden in der Stadt gibt, denen derartige Regeln nichts bedeuten.
Es sind Fronten, zwischen denen jemand wie Dov leicht zerrieben wird. Nach der Drag-queen-Show schleicht er sich aus dem Hakatze. Dov nimmt die Ohrringe ab und rückt die Kippa gerade, bevor er die Tür hinter sich schließt. Dann nimmt er den letzten Bus zurück in die Siedlung bei Hebron.

Text/Fotos: Sonja Süß

Wichtig zu wissen

ANREISE Günstige Flüge gibt es bei Air Berlin und Tui Fly. Vom Flughafen Ben Gurion sind es ca. 40 Minuten in einem Monit Sherut (Sammeltaxi) nach Jerusalem.
 
ESSEN Ob Hummus eine traditionell israelische oder arabische Speise ist, lässt sich zumindest im Land nicht abschließend klären, es gilt als Nationalgericht aller. Verspeist wird der Kichererbsenbrei in rauen Mengen, besonders gern als reichhaltiges Frühstück. Hummus Lina im arabischen Teil der Altstadt gilt als die beste Adresse der Stadt. (Lina Humus in der Aquabat el Khanda, nur bis nachmittags geöffnet)
Weggehen Eine beliebte Kneipe mit DJs und kleinen Konzerten ist das Sira in der Rehov Ben Sira. Trinken und Musik kaufen kann man im Uganda in der Aristobulus Straße. Elektropartys werden regelmäßig von Jerusalems wichtigstem DJ Kollektiv, der Pacotek, ausgeführt (www.pacotek.com). Die Show „Givald“ findet jeden Montag im Hakatze in der Shushan Straße statt.
 
ÜBERNACHTEN Zentral mit angenehmer Atmosphäre: Jerusalem Hostel in der Jaffa Straße 44 (www.jerusalem-hostel.com). Etwas ungewöhnlicher: das Österreichische Hospiz im arabischen Teil der Altstadt, www.austrianhospice.com.

 

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