Stadtleben

Juden

Direkt in meiner Nachbarschaft wurden zwei junge Männer ins Konzentrationslager verschleppt, eine Straße weiter starb ein Schauspieler unter den Schlägen der Nazis, und in unmittelbarer Nähe meines Büros wurde eine ganze Familie in den sogenannten Himmelfahrtswagen – einer Art mobilen Vergasungsstation – getötet. Es gibt eine Menge toter Juden in Berlin und es wird eine Menge gemacht, damit man sie nicht vergisst. Straßen sind nach ihnen benannt, Stolpersteine gemahnen an ihr Schicksal und viele der Synagogen wurden wieder zugänglich gemacht.

Gott sei Dank gibt es auch wieder viele lebende Juden in Berlin. Unter jungen Israelis gilt Berlin neben New York als beliebtes Ziel – zu Besuch, aber auch zum Studium. Wenn man in einer Bar in Tel Aviv erzählt, dass man aus Berlin kommt, werden die Menschen zutraulich, als erzähle man vom gelobten Land. Das ist natürlich ein großartiges Zeichen der Versöhnung und für das entspannte Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis – und das Zentrum dieser Entspannung ist zweifellos Berlin. Es gibt in dieser Stadt mittlerweile wieder ein reges jüdisches kulturelles Leben, und mit dem jüdischen Museum gibt es einen weltweit einzigartigen Ort der Aufklärung, auch wenn kommunistische Juden wie Rosa Luxemburg oder Karl Liebknecht dort kaum Erwähnung finden, was möglicherweise dem Geld aus den USA geschuldet ist, mit dem die Ausstellung ermöglicht wurde. Da werden kapitalismuskritische Geister nicht so gern gesehen – selbst, wenn sie Juden waren.

Es gibt außerdem den streitbaren Henryk M. Broder, der mit seiner Scheinbewerbung um das Amt des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden einmal mehr aufzeigte, wie verschmockt dieser Apparat ist und gleich mal forderte, dass man die Leugnung des Holocausts nicht unter Strafe stellen sollte. Das würde zwar möglicherweise Horst Mahler aus dem Gefängnis holen, aber ein ehemaliger SS-Mann wie Otto Beisheim darf sich ja in Berlin auch mit einem Beisheim-Center am Potsdamer Platz feiern.
Ein unheimlich entspanntes Verhältnis zum Judentum pflegt man übrigens auch bei einem beliebten Italiener am Volkspark Friedrichshain. Als ich dort einmal mit einem jüdischen Freund aus New York essen ging und er nach etwas Koscherem fragte, empfahl man ihm erstaunlicherweise die Calzone. Anschließend durfte er sich die Kochschinkenwürfel und schließlich noch eine Heftklammer aus den Zähnen prokeln, die wohl beim Aufreißen der Tüte mit den Schinkenwürfeln in den Pizzateig geflogen war. Das hätte sich Ephraim Kishon auch nicht besser ausdenken können.

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