Stadtleben

Jugend

Die Berliner Jugend ist ja seit jeher verhaltens­auf­fällig. Es ging schon damit los, dass sie sich früh in der Hasenheide zusammenrottete, um mit Turnvater Jahn zur Wartburg zu marschieren. Schüler-Streiks gab es in Berlin schon in der Weimarer Republik, einige Jahre später warfen Teile der Jugend mit Eifer Bücher ins Feuer. Horst „Hotte“ Buchholz lernte als Halbstarker in Berlin den Rest der Republik das Fürchten vorm kriminellen Nachwuchs, kurz danach riefen Gammler und Hippies in den Erwachsenen längst überwundene, faschistische Reflexe hervor: „Ab ins ­Arbeitslager!“ hieß es, und später dann zu Zeiten der APO: „Geht doch nach ­drüben!“ Selbst die eigentlich bewegungsarme Jugendkultur der Popper raffte sich in West-Berlin auf, um sich Anfang der Achtzigerjahre am Hermannplatz mit den Punkern eine Straßenkeilerei zu ­liefern. Und darf man derzeit noch in soziologischen Kontexten über die Loveparade sprechen? Wohl an ­keinem anderen Ort der Welt hat sich die Jugend mit schierer Lautstärke und Psychopharmaka so weg­geschossen wie in den Kellerclubs der Hauptstadt.

Heute wird die Jugend wie eh und je von einer konservativen Presse mit den Etiketten „gewalt­bereit“, „sexsüchtig“ und „wertelos“ belegt – auch wenn es die Zahlen nicht hergeben. Selbst angeblich liberale Blätter wie die „Süddeutsche Zeitung“ schwelgen zum Beispiel angesichts der Vorfälle in den Schlafsälen niederländischer Ferienheime in schaurig-wohligen Fantasien von in Kinderpos ­“gerammten“ Besenstielen. Obwohl eine ärztliche ­Untersuchung noch aussteht. Womit nichts verharmlost werden soll, aber die Bereitschaft, Jugend zu verdammen und ihr alles zuzutrauen, ist offenbar gestiegen. Dabei spricht die Art einer solchen Berichterstattung einzig für die Verantwortungslosigkeit der Verfasser und womöglich auch für deren kranke Tagträume.

In diesen Zeiten möchte man nicht jung sein, besonders ungern in Berlin, wo zu den medialen Schnellschüssen noch die Vermengung der Sphären hinzukommt: Eltern, die notorisch Flip-Flops und ­iPhone tragen, möchte man nun wirklich nicht ­haben. Es spricht für die Berliner Teenager, dass sie nicht längst in Anzug und Krawatte herumrennen, um gegen diese Berufsjugendlichen, die ihre Mütter und Väter sind, zu rebellieren.

Mehr über Cookies erfahren