Stadtleben

Junge Arbeitsmigranten in Berlin

Wirtschafts_Fluechtlinge_DvB_08Wenn Demetrios Nikopolidis (Name von der Redaktion geändert) Gemüse putzt, wirken seine Handgriffe routiniert und zügig. Bei seiner Arbeit lacht er viel und summt manchmal leise vor sich hin. Auf den ersten Blick würde man vermuten, er arbeite bereits sein halbes Leben in der Gastronomie. In Wirklichkeit sind es erst ein paar Monate. Dass Demetrios Nikopolidis kein Deutsch spricht, fällt während seiner Arbeit in der Küche eines Restaurants nicht auf. Der gelernte Schreiner kam vor elf Monaten nach Deutschland, nachdem er in Griechenland seine Festanstellung verloren hatte. Zwölf Jahre hatte er in seinem Beruf gearbeitet, bis ihn die Wirtschaftskrise von heute auf morgen den Job kostete. Plötzlich fehlte das Geld für das Nötigste. Als dann auch noch seiner Freundin gekündigt wurde, drohte der soziale Abstieg. „Ich sah einfach keinen anderen Weg mehr, als das Land zu verlassen. In Athen bekam ich nicht einmal einen einfachen Nebenjob“, sagt der 33-Jährige.

Demetrios Nikopolidis reiste kurz entschlossen zu einem Freund nach Berlin. Sein Ziel: Arbeit finden. Irgendeine. Er fand einen Job als Küchenhilfe in einem italienischen Restaurant. Dort bekommt er sechs Euro die Stunde. Bei täglich sechs Stunden Arbeitszeit und einer Fünftagewoche hat er am Monatsende knapp 800 Euro verdient. Das ist mehr, als die meisten seiner Landsleute in Griechenland bekommen. Denn wegen der anhaltenden Rezession erhalten viele Griechen nur noch den gesetzlichen Mindestlohn von 740 Euro im Monat – falls sie überhaupt noch einen Job haben. In Berlin zahlt Demetrios Nikopolidis für sein Einzimmerapartment in Rudow 400 Euro, die günstigste Monatskarte der BVG kostet ihn 55,50 Euro, eine warme Mahlzeit gibt es bei seinem Arbeitgeber nach Feierabend gratis. Vom Rest seines Einkommens bezahlt er seine Lebensmittel und eine Telefonkarte. Mehr ist nicht drin. Nur das Trinkgeld ermöglicht hier und da ein kleines Extra. Eigentlich sollte sein Verdienst das Arbeitslosengeld seiner Freundin in Athen aufstocken. „Doch es reicht hinten wie vorne nicht“, sagt er. Die Zinsen für seine laufenden Kredite, die er monatlich tilgen muss, steigen mit jeder Überziehung. Dennoch ist er sich sicher, dass die Auswanderung nach Berlin richtig war, um der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Denn auch, wenn das Geld momentan kaum zum Leben reicht, blickt Nikopolidis positiv in die Zukunft: „Ich würde meine Freundin gerne nach Berlin holen und hier als Schreiner arbeiten.“

Ähnliche Wünsche haben auch andere junge Südeuropäer. Berlin ist unter Spaniern, Portugiesen oder Griechen als Auswanderungsort besonders beliebt, da es als kosmopolitisch und offen gilt. Auch junge Italiener zieht es vermehrt in die Stadt an der Spree. Kamen die meisten von ihnen vor zehn Jahren noch als Touristen in die Stadt, kommen sie mittlerweile immer häufiger auf der Suche nach Arbeit. Maria Caffaro (Name von der Redaktion geändert) studierte zwei Semester Bildhauerei in Turin, bevor sie sich vor drei Monaten entschied, Italien zu verlassen. Denn dort hatte sie weder einen Nebenjob gefunden, um ihr Studium zu finanzieren, noch eine eigene Wohnung, die sie sich leisten konnte. Nun jobbt die 23-Jährige als Kellnerin in Berlin und mogelt sich mit ihrem englisch-deutsch-italienischen Kauderwelsch charmant durch ihren Arbeitsalltag. Ähnlich wie Demetrios Nikopolidis hält sie sich erst mal nur über Wasser und ihr Beschäftigungsverhältnis ist nicht ordnungsgemäß registriert. Beide wollen deshalb nicht ihre richtigen Namen in der Zeitung lesen. 

Maria Caffaro kehrte Italien nicht nur wegen der eigenen Perspektivlosigkeit den Rücken. Sie ertrug auch die allgegenwärtige Stimmung von Hoffnungslosigkeit nicht mehr. Von ihrem neuen Leben in Berlin erhofft sie sich, „vielleicht Schneiderin werden zu können; am liebsten für Menschen, die ausgefallene Sonderanfertigungen haben möchten“. Obwohl es der jungen Lebenskünstlerin mehr um Selbstverwirklichung als um das Erzielen hoher Einkünfte geht, ist sie froh, „endlich wieder ein bisschen Geld in der Tasche zu haben“ und gemeinsam mit ihrem Freund in einer Wohngemeinschaft leben zu können. Und ihr italienischer Arbeitskollege, der bereits seit drei Jahren in Berlin lebt, ergänzt: „Wer möchte denn in unserem Alter wieder bei den Eltern einziehen müssen, weil er sich keine eigene Wohnung leisten kann? Da leben wir lieber hier.“

Bis sich die Situation in Italien ändert, werden Caffaro und ihr Landsmann weiter Essen servieren und auf bessere Zeiten hoffen. Dass sie mit ihrem persönlichen Lösungsansatz für die Wirtschaftskrise nicht alleine sind, beweisen die zahlreichen Bewerbungen, die sich in einem Karton hinter dem Restauranttresen stapeln. „Es vergeht eigentlich kein Tag, ohne dass sich Italiener, Griechen oder Spanier bei uns nach Arbeit erkundigen“, erklärt der Gaststättenbesitzer. „Erst gestern war eine junge Lehrerin aus Spanien da, die sich nach einer Stelle als Küchen- oder Putzhilfe erkundigt hat. Ich musste ihr sagen, dass wir leider niemanden mehr einstellen können.“ Die Arbeitslosigkeit betrifft jedoch nicht nur junge Südeuropäer. Auch ausgebildete Handwerker, die jahrelang einer Vollzeitbeschäftigung nachgegangen sind, bieten in Berlin ihre Dienste als Tellerwäscher und Aushilfen an. Maria Caffaro zeigt sich von den Bewerbungsanschreiben älterer Südeuropäer wenig überrascht. „Die Arbeitslosigkeit macht vor keinem von uns mehr halt. Egal, ob jung oder alt.“

Wie viele Südeuropäer sich in den letzten drei Jahren auf den Weg nach Berlin gemacht haben, um hier Arbeit zu finden, kann bisher nur geschätzt werden. „Reelle Zahlen gibt es noch nicht, da wir nur die Menschen erfassen können, die sich bei uns arbeitslos oder arbeitssuchend gemeldet haben“, erklärt Andreas Ebeling, Sprecher der Agentur für Arbeit in Berlin. „Anhand der Zahlen, die uns vorliegen, kann man zwar nicht von einem ,Run‘ auf den deutschen Arbeitsmarkt sprechen. Ich höre aber aus den Jobcentern öfter, dass die Zahl der jungen Südeuropäer, die sich nach Arbeit und finanzieller Unterstützung erkundigen, gestiegen ist.“ Für den Großteil der EU-Bürger ist der Anspruch auf Sozialleistungen seit 1953 durch das Europäische Fürsorgeabkommen (EFA) geregelt. Nach einer Neuregelung im Jahr 2011 können Personen, die Bürger der EFA-Staaten sind – das sind bis auf wenige Ausnahmen alle Staaten, die bereits 2004 der Europäischen Union angehört haben –und länger als drei Monate in Deutschland gemeldet leben, Sozialleistungen beantragen. Das aber nur, „wenn sie nicht ausschließlich mit dem Ziel gekommen sind, hier zu arbeiten, sondern längerfristig in Deutschland bleiben möchten“, führt Ebeling aus.

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