Stadtleben

Junge Israelis in Berlin

Hadas_und_Gad_HinkisHadas (32), Künstlerin, und Gad Hinkis (29), Musiker, aus Tel Aviv
„Wenn man Musiker ist, geht man nach London, Berlin oder New York“, sagt Gad Hinkis. Der Israeli hat sich für Berlin entschieden, die perfekte Stadt für einen Musiker wie ihn. In der hiesigen Swing-Szene ist er bekannt wie ein bunter Hund – sowohl als DJ NeckbreakA als auch als Sänger der Dirty Honkers: ein Trio, das mit Saxofon und Electro-Beats Swing zum Disco-Erlebnis macht. Gerade nehmen sie ihr neues Album auf.

Vor vier Jahren, als Gad in die deutsche Hauptstadt kam, war er noch nicht so beschäftigt. Damals genoss er die Zeit, spielte ab und zu in Bars und ließ sich im Mauerpark die Sonne auf den Bauch scheinen. „Berlin ist sehr entspannt“, sagt er. „Man muss sich hier nicht, wie in London, überarbeiten, um seine Miete zahlen zu können.“ Das Berliner Laissez-faire hat nun auch Gads Schwester angelockt. Seit einem halben Jahr lebt Hadas Hinkis (32) hier und ist noch ganz euphorisch: „Ich liebe dieses anarchistische Flair, dass man hier machen kann, was man will.“ In Den Haag hat sie Kunst studiert. Nun probiert sie sich als Stylistin, Fotografin und Videokünstlerin aus. Obwohl für sie Berlin „der freieste Ort der Welt“ ist, plagt sie manchmal eine Art Schuldgefühl. Als Nachfahrin osteuropäischer Juden, von denen viele den Holocaust nicht überlebten, sei es für sie manchmal komisch, hier zu leben.

Dieses Gefühl hat ihr Bruder längst abgelegt. „Was die deutsche Geschichte angeht, bin ich desensibilisiert“, sagt er, obwohl er hin und wieder über die Vergangenheit in Form der goldenen Erinnerungssteine „stolpert“. Wie die Deutschen mit dem Gedenken umgehen, finde er gut. Das sei der Weg, die Geschichte zu bewältigen. Die kabbalistische Lehre habe dafür einen passenden Begriff: „Tikkun“, was frei übersetzt bedeutet, dass nur Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich und die Welt verändern können. Deutschland sei da auf einem guten Weg, meint Gad Hinkis. Nicht perfekt, aber ganz okay.

 

Aviel Silook (29), Eventmanager, aus Haifa
Kaum eineinhalb Jahre in Berlin, hat Aviel Silook bereits mehrere Projekte am Laufen. Montags organisiert er die „Swing Night“ im Reval-19-Club in Friedrichshain. Er ist Mitveranstalter der französischen Partyreihe „Le Bordel“  im Kreuzberger L.U.X.-Club. Sein neuestes Projekt ist der „Berlin Music Video Award“ vom 24. bis 28. April in der Villa Neukölln, eine Art Videoclip-Festival mit Musikern, Labels und Produzenten.
Aviel Silook strotzt nur so vor Energie und Leidenschaft für das, was er tut. In Israel ginge das nicht ohne Weiteres: „Kultur hat dort keinen hohen Stellenwert. Deshalb wollen die meisten Eltern, dass man Medizin oder Ingenieurswesen studiert.“ Er belegte Psychologie. Mit dem Holocaust wurde er nie direkt konfrontiert, seine Familie stammt aus Marokko. Trotzdem fröstelt es ihn, wenn er an die deutsche Vergangenheit denkt.

Bislang aber habe er in Berlin nur positive Erfahrungen gemacht, sagt er. Auch mit Menschen aus anderen Nationen. Im Deutschkurs in der Volkshochschule sitzt er neben Syrern und Libanesen: „Wir haben oft interessante politische Gespräche. Es ist schön, zu sehen, wie sie durch mich ein anderes Bild von Israel bekommen.“ Neulich war er bei einem altmodischen Herrenfriseur. Als er ihm sagte, dass er Israeli sei, fragte der Friseur, wie es ihm hier gefallen würde. „Ich glaube, viele Berliner empfinden es als Bereicherung, dass hier so viele Israelis leben. Es sollten eigentlich noch viel mehr kommen“, findet Silook. „Dann würden sie sehen, dass die Deutschen keine Nazis sind.“

 

Aviv Netter (27), Partyveranstalter, aus Tel Aviv
Seit über fünf Jahren importiert Aviv Netter Tel-Aviv-Feeling nach Berlin. Auf seinen Meschugge-Partys, die er zweimal im Monat im ZMF-Club in Mitte veranstaltet, feiern nicht nur seine Landsleute, sondern auch Berliner – egal, ob sie jüdisch sind oder nicht. Auf seinen Partys spielt er israelische Popsongs, hebräische Schlager und die Technoversion von „Hava Nagila“. Das Highlight des Abends ist jedes Mal „Moshiach“, eine Klezmerpop-Hymne, bei der alle mit­singen: „Oioioioi“. Meschugge, der Name ist Programm: „Ich möchte mit meinen Partys die andere Seite Israels zeigen“, sagt er, „eine humorvolle, die sich nicht um Krieg und Raketen dreht.“ Als er mit Anfang 20 im Rahmen einer politischen Exkursion das erste Mal Berlin besuchte, verliebte er sich sofort in die Stadt. Die vielen Clubs, die tollen Partys – hier musste er hin, auch gegen den Willen seiner Eltern. Für sie war Deutschland tabu. Avivs Großmutter, eine Berliner Jüdin, die vor dem Krieg nach Palästina ausgewandert war, verlor fast ihre ganze Familie durch den Holocaust. Doch Aviv ließ sich nicht bremsen, gleich nach seinem Besuch zog er hierher.

Seit mittlerweile sieben Jahren lebt er in der Hauptstadt. „Berlin fühlt sich immer noch richtig an“, sagt er. Warum genau, kann er selber nicht erklären. „Es sind eben diese Vibes, die Tel Aviv und Berlin gemeinsam haben.“ Das finden übrigens auch seine israelischen Freunde, die ihn oft und gerne in Berlin besuchen. Die deutsche Geschichte scheint sie ebenso wenig zu tangieren wie ihn. „Die Vergangenheit gehört der Vergangenheit“, sagt er. „Für mich ist es wichtig, mein Leben im Hier und Jetzt zu leben.“ Das könne er auch, findet Aviv. Grund zur Beunruhigung habe er bisher noch nicht gehabt, obwohl er manchmal komische Mails auf Facebook bekommt. „Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sie sich gegen mich als Jude richten, sondern eher gegen Ausländer allgemein.“
Ganz so locker scheint er die Sicherheitsfrage trotzdem nicht zu nehmen. Denn neuerdings postiert er einen Security-Mann vor seinem Club. Ganz am Anfang, als seine Party noch unbekannt war, war das nicht nötig. 

 

Gila Kaplan (41) und Oded Korach (35), beide Grafikdesigner, aus Tel Aviv
Die unsichere Lage in Israel hat das junge Ehepaar dazu bewegt, ihre Heimat zu verlassen. „Letzten Sommer war die Stimmung im Land unerträglich“, erinnert sich Gila Kaplan. „Die Schlagzeilen wurden beherrscht von den Kriegsdrohungen gegen den Iran. Wir hatten jeden Tag Angst, Nachrichten zu schauen.“
Für ihre Kinder, Dori und Yotam, hatten sich die beiden einen besseren Ort vorgestellt. Seit einem halben Jahr leben sie in Berlin und haben nun sämtliche Formalitäten erledigt. Jetzt steht die Jobsuche an. Kein Problem für Kreative wie sie. Die beiden Grafik­designer sind gut vernetzt, haben viele deutsche Freunde. Und trotzdem kommen bei Gila manchmal diese Bilder von „der Hauptstadt des Bösen“ hoch. Die Familien des jungen Paares stammen aus Osteuropa. Viele haben den Holocaust nicht überlebt. Odeds Großmutter war eine der wenigen Ausnahmen. „Sie war in Auschwitz“, erzählt er. „Was das mit einem macht, kann man sich nicht vorstellen“, fügt Gila hinzu. „Dieses Schicksal hat einen Langzeiteffekt, der sich bis auf uns Enkel auswirkt.“

Während ihres Studiums in London begegnete sie das erste Mal einem Deutschen. „Er stellte sich als Enkel eines Wehrmachtsoffiziers vor“, erinnert sie sich, „mit einem sarkastischen Unterton, der mich zunächst irritierte.“ Heute sind sie die besten Freunde, die, wenn sie sich treffen, auch mal Witze über den Holocaust machen. 
Mittlerweile haben sich die beiden an den Berliner Alltag gewöhnt. Die junge Familie lebt in Kreuzberg. Töchterchen Dori geht in eine gemischte Kita mit türkischen Erzieherinnen und Kindern aus aller Welt: aus der Türkei, aus Pakistan, Deutschland, der Ukraine, Syrien und dem Libanon. „Der ganze Nahe Osten ist dort vertreten“, lacht sie. Auch wenn die beiden manchmal das Heimweh plagt, haben sie ihren Schritt nicht bereut. Nur ganz selten, an tristen Regentagen, wenn es ganz still ist in der Wohnung und man die Dielen der Nachbarn knarzen hört, beschleicht Gila ein seltsames Gefühl. Dann denkt sie einen kurzen Augenblick darüber nach, was es vor 80 Jahren bedeutet hätte, hier zu leben.


Texte: Wolfgang Altmann
Fotos: David von Becker, Harry Schnitger

 

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