Stadtleben

Kaff-Kunst

Etwas schlechte Laune zum Spielzeitauftakt gefällig? Ein wenig Sinnkrise, Kulturpessimismus und prinzipielle Zweifel am Theater? Nichts lieber als das. Wie wäre es mit der Diagnose, die Peter ­Sloterdijk in seinen jetzt veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen angemessen beiläufig liefert? Das Theater, beobachtet Sloterdijk, sei „heute zu einer verlorenen Kunst geworden, in dem Sinn, wie man von einem Kaff am Rand der Welt sagt, es sei verloren. Mediensoziologisch gesehen, bietet die beste Hauptstadtbühne nicht mehr als Kaff-Kunst, da sie an ein In-situ-Publikum adressiert bleibt. Dank Videos und Theaterkanalarbeit hilft man dem Elend mit externen Mitteln ein wenig ab, doch ohne echte Wirksamkeit. Die große Zeit der Kunst, die auf Anwesenheit angelegt war, ist vorüber, die Telefunktionen bestimmen, was wichtig und wirklich ist – das Beste geht so unweigerlich verloren. Das Prinzip live ist rezessiv.“ Alles klar.
Ja, und? Macht doch nichts. Ist doch schön, dass das Theater sich als Minderheitenprogramm für die Happy Few über Wasser hält. Wir müssen ja nicht alle ausschließlich an den Fernmedien hängen. Als letzten Beweis für den „Kaff-Effekt“ des Theaters, das längst ein Nischenphänomen geworden sei, nimmt Sloterdijk, das er selbst nie eine Zadek-Inszenierung gesehen habe. Das ist lässig: Die eigene Ignoranz wird ihm zum Maßstab, mit dem der Zeitdiagnostiker einem ganzen Kunstgenre seine historische Erledigtheit attestiert. Noch lustiger und natürlich sehr sympathisch ist, wie Sloterdijk in seinen Tagebuchaufzeichnungen ein paar hundert Seiten später hingebungsvoll von einer noch viel weniger zeitgeist- und kulturindustriekompatiblen Kunst schwärmt, der Oper: „Sex und Oper haben gemeinsam, dass das eine wie das andere nur so ‚gut‘ sein kann, wie es übertrieben ist.“ Die nächste Spielzeit gehört der Oper.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage, Suhrkamp Verlag, 640 Seiten,
24,95 Euro

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