Stadtleben

Kaffee

Als neulich für ein paar Wochen das trendige Galгo am Weinbergsweg zumachte – da hing ganz schnell ein Zettel an der heruntergelassenen Jalousie. Wenn ich recht verstanden habe, war es eine Protestnote der bisherigen Stammgäste, die schrieben, dass es nun ein Loch in ihrem Leben gäbe, dass sie nicht mehr wüssten, wo sie morgens ihren Cafй Latte oder Cortado trinken und ihr überbackenes Croissant essen sollen. Dass ihnen – seitdem das Galгo geschlossen sei – alles trister und öde vorkomme. Man hatte dazu sogar ein Blog gegründet, damit sich die Besitzer schneller entschließen würden, wieder zu öffnen. Ich glaube fast, das Galгo wurde auf dem Zettel mit Du angesprochen. Der tip hat sogar eine Meldung gebracht, als das Cafй wieder aufmachte.

Man muss dazu sagen, dass das Galгo nicht das einzige Cafй am Weinbergsweg ist, es gibt dort alle paar Meter eins, sogar welche, die besseren Kaffee kochen (sagt man noch Kaffee kochen, angesichts all der zischenden Vollautomaten?). Noch dazu liegt es die längste Zeit des Tages im Schatten.
Dennoch: Das Galгo hat einfach genau den Geschmack getroffen, es erinnert innen an die gekachelten Stehcafйs in Ländern mit richtigem Sommer, es hat loungige Plastik-Ikea-Sessel vor der Tür, es schreibt das An­gebot auf Kreidetafeln, es hat Kakao aus Portugal, sündhaft teuren Eistee im Kühlregal und sehr nette Bedienungen. Und dennoch macht es einen stutzig, wenn Menschen eine fast libidinöse Beziehung zu ­ihrem Stammcafй pflegen und in eine Sinnkrise kommen, wenn es dicht macht.

Man merkt dann immer erst, wie wichtig das Kaffeetrinken geworden ist, so wie ja manches immer wichtiger wird, was man früher mit mehr Normalität behandelt hat. Ich meine: Es ist doch nur Kaffee. Alles, was man sonst als kapitalistische Abzocke begreifen würden – nämlich mit einem Wareneinsatz von fünf Cent, ein Getränk für drei Euro zu zaubern – spielt hier keine Rolle. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach einem stilvollen Ort, den man früher nur aus Fellini-Filmen kannte – nur dass in Italien niemand auf die Idee kommen würde, den Espresso mit einem halben Liter heißer Milch zu strecken.
Vielleicht hat Kaffee aber eben doch eine stark berauschende Wirkung, die alles Rationale verdrängt. In meinem Lieblingsstehcafй arbeitet eine sehr charmante Brasilianerin, die „Amore“ ruft, wenn ich reinkomme und „Hier, Baby“, wenn sie mir den Kaffee bringt. Sie sagt das auch zu den anderen Gästen, aber es ist mir egal. Wenn sie dicht machte, würde ich vielleicht auch einen Zettel an die Tür hängen.

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