Stadtleben

Kampf um die Naunynritze – Teil 2

naunynritzeDer damalige Bundespräsident Horst Köhler kam 2009 vorbei, um das Projekt zu loben, „Staatsbesuch in Little Istanbul“ titelte eine Zeitung damals. Di Sera verdient so gut wie nichts mit seiner Arbeit, die an die Substanz geht. Gerade erst ist das Studio der StreetUniverCity zum wiederholten Mal von Unbekannten ausgeraubt worden, und trotzdem stellt er sich hin und sagt: „Die Jugendlichen sind nicht die Täter, sondern die Opfer.“ Nicht die jüngsten Vorfälle seien das eigentliche Problem. Sondern die gesellschaftlichen Schieflagen. Der Sozialstaat baue ab, die Abzockermentalität nehme zu. Auch in seinem Metier. „Es ist Mode geworden, mit Jugendlichen zu arbeiten. Da sind viele Heuchler unterwegs.“ Zum Träger des Hauses erklärt er sich solidarisch, di Sera sagt: „Die sind neu. Und müssen ihre Erfahrungen machen.“

Die Naunynritze ist wie viele kommunale Einrichtungen privatisiert worden, Leitung und feste Mitarbeiter haben gewechselt. Seit 2010 erhält die GSJ, die zuvor schon Kooperationspartner im Haus war, 286.000 Euro im Jahr vom Bezirk. Damit finanziert sie unter anderem fünf volle und zwei Teilzeit-Stellen. „Das Prinzip heißt: kommunale Stellen abbauen, das Geld in Sachmittel wandeln und es einem freien Träger geben“, erklärt Michael Becker, der zuständige Mann vom Bezirksamt für Sozialraum. „Höhere Finanzarithmetik, die mit der Praxis in den Häusern nichts zu tun hat.“

Ob die GSJ der geeignete Träger ist, darüber wird gestritten. Langjährige Kenner und Mitarbeiter der Naunynritze winken unter vier Augen ab. Sprechen von mangelhafter Kommunikation und schlechter Atmosphäre im Haus. Geschäftsführer Kiepert-Petersen hingegen glaubt, die Jugendlichen seien bis dato verwöhnt worden von einer „Gummibärchen-Pädagogik“. Alles ein Erbe der 68er mit ihren Ansätzen der anti­autoritären Erziehung und dem Versuch, „in Kreuzberg Multi-Kulti zu leben“. Das, findet der bekennende Fan des Neuköllner Hardliners Heinz Buschkowsky, „ist ja schief gegangen“. Er pocht auf strenge Regeln. Wie im Fußball: Ermahnung, gelbe Karte, rote Karte. Die vorübergehende Schließung als Platzverweis also? Nein, sagt Kiepert-Pertersen, „das war Spielabbruch.“

Er sei von den Entwicklungen nicht überrascht, sagt Neco Celik, der Kreuzberger Theater- und Filmemacher, der ein Kind der Naunynritze ist und hier viele Jahre als Sozialarbeiter gewirkt hat. „Mich wundert nur, dass es so lange gedauert hat.“ Das Problem sei nicht der Träger selbst. Sondern dass durch den Austausch der Leitung und des Teams „all die Netzwerke, die man aufgebaut hat, die langjährige Beziehung­arbeit“ mit einem Schlag zunichte gemacht worden seien. „Vielleicht funktioniert Privatisierung woanders. Die Naunynritze ist ein sehr prekärer Ort. Dass man den weggibt, grenzt an Inkompetenz.“

Leiter Dieter Both hält mit der eigenen langjährigen Jugendarbeits- und Kiez-Erfahrung und der seines Teams dagegen, spricht von Mitarbeitern, die als ehemalige „36er“, eine in den frühen 90ern berüchtigte Kreuzberger Gang, ganz nah dran seien an den Kids. Und betont zudem, man bemühe sich auch während der Schließung weiter um die Jugendlichen. Mit Streetworking, Elterngesprächen. Die Maßnahme, die alle trifft, soll Diskussionen in Gang setzen, auch unter den Jungen selbst. Und wenn der harte Kern sich nicht belehren lässt? Kiepert-Petersen sagt: „Es gibt ja diese Schildchen für Hunde: Wir müssen leider draußen bleiben.“ Im Moment gilt: die Naunynritze zu – und alle Fragen offen.

Text: Patrick Wildermann

Fotos: Bernd Sauer-Diete/bsd-photo-archiv

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