Stadtleben

Kampf um die Naunynritze

naunynritzeDie Türen sind verrammelt. „Aus besonderen Gründen wird der offene Bereich der Naunynritze voraussichtlich bis zum 02.01.2012 geschlossen sein.“ So steht es auf der Homepage des Kreuzberger Jugendzentrums. Besondere Gründe.

Seit Anfang November bleiben die Jugendlichen in der Naunyn­straße 63 ausgesperrt. Zwar finden mittlerweile wieder Kurse für Kinder statt, aber wer ins Haus will, muss an einem Türsteher mit Schlüsselgewalt vorbei. Im Treppenhaus hängen Zettel mit der Nummer der Polizeidirektion Kreuzberg Nord, Abschnitt 53. „Thematik ist vor Ort bekannt.“ Gerüchte um wilde Streitigkeiten zwischen den Erziehern und den Kids machten im Kiez die Runde, während die hiesige Polizeidienststelle mitteilen lässt, ihr seien „keine Auseinandersetzungen mit Jugendlichen bekannt“. Von Mitarbeitern der Naunynritze schlägt einem auf Nachfrage erstmal Argwohn entgegen – was man eigentlich wolle? Wieder so eine Story über die Krawalleros mit Migrationshintergrund? Nein, erstmal nur wissen, was eigentlich los war. Warum ein Haus, das seit Jahrzehnten erfolgreiche Arbeit in einem ziemlich schwierigen Umfeld leistet, sich zu einer solchen Maßnahme entschließt.

Monika Herrmann, die zuständige Jugendstadträtin von den Grünen, an die man über einige Stationen schließlich verwiesen wird, sagt, das sei eine längere Story. Sie spricht von verschiedenen Eskalationsstufen. Von Jugendlichen, die sich wie Chefs aufführen, was man in vielen Jugendeinrichtungen in ganz Berlin beobachten könne. Und vom eigentlichen Anlass der Eskalation. Einem Tag, als ein gemeinsames Kochen mit den Pädagogen auf dem Programm stand: „Die Jugendlichen wollten Spaghetti essen und nicht Kartoffeln.“ Und seien total ausgeflippt. So wird aus einer Kartoffel ein Politikum.

Von einem „Versuch, die Macht im Haus zu übernehmen“ spricht Frank Kiepert-Petersen, der Geschäftsführer der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit, kurz GSJ. Die ist seit 2010 der Träger der Naunynritze. Um eine Gruppe von migrantischen Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren gehe es da, vielleicht 20 Mann, drei bis fünf der harte Kern, der Rest Mitläufer. Und denen passten die Regeln nicht, die „für alle gelten, egal welcher Herkunft“.

Dieter Both, der von der GSJ eingesetzte Leiter der Naunynritze, wird etwas deutlicher, was die Vorfälle betrifft. Von wegen Spaghetti. Er spricht von einer in Kreuzberg bekannten Gruppe, die „massiv in den Drogenhandel verwickelt ist und mit Anbruch der kälteren Jahreszeit versucht hat, bei uns Unterschlupf zu finden, um im Trockenen ihren Geschäften nachgehen zu können.“ Und das habe man natürlich nicht hinnehmen können. Ihm ist, wie eigentlich allen, mit denen man spricht, nicht ganz wohl bei der Geschichte. „Extrem brisantes Thema“, sagt er. Die Angst vor den verzerrten Bildern geht um. Aber geht’s hier wirklich nur um Stoff? Tatsächlich war die Kreuzberger Straße in der Vergangenheit eine ziemlich berüchtigte Drogen-Umschlagsmeile. „Die dicken Autos parken Gott sei Dank nicht mehr vor der Naunynritze“, sagt Monika Herrmann, „aber der Kotti ist nicht weit. Und jetzt wollen wir mal nicht so tun, als sei der Kiez drogenfrei.“

Sie gibt auch zu bedenken: „Wie stark muss ein Jugendlicher sein zu widerstehen, wenn er mehr verdienen kann als seine Eltern auf Hartz IV? Was kann das Jugendamt da als Alternative anbieten? Sport, Graffiti? Auch Pädagogik hat ihre Grenzen.“  Dass die Naunynritze zuletzt trotz allem weit mehr positive als negative Schlagzeilen gemacht hat, ist neben vielen anderen Engagierten einem wie Gio di Sera zu verdanken. Der Kreuzberger Künstler, der gebürtig aus Neapel stammt, kennt das Haus seit den 90er-Jahren. Er hat hier 2007 die „StreetUniverCity“ ins Leben gerufen. Jugendliche, zumeist ­migrantische, die anderswo gern durchs Raster fallen, keinen Schulabschluss haben, können hier Seminare, Kurse und Workshops belegen und ihren „Streetmaster“ machen. Der andere Bildungsweg.

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