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Katharina Ziemke über ihren Charlottenburger Kiez

Katharina_Ziemke_26_c_HarrySchnitgerFrau Ziemke, als Sie nach Berlin zogen, war Mitte angesagt. Sind Sie zufällig in Charlottenburg gelandet oder ganz bewusst? 
Es war Zufall. Wir hatten keine Ahnung von Berlin. In Prenzlauer Berg haben wir ein paar Wohnungen gesehen, die alle so komische quadratische Schnitte hatten, wo man schon ahnte, wie man sich später auf die Füße tritt. In Charlottenburg fanden wir dann eine total verwohnte Wohnung. Die war wirklich in schlechtem Zustand, aber mit enormem Potenzial. Als Künstler sieht man so etwas gleich. Wir konnten sie günstig mieten. Die Wohnung hat einen zehn Meter langen Flur!

Sie kamen 2006 aus Paris. Franzosen fühlen sich wohl zwischen Stutti und Ludwigkirchplatz. Warum, glauben Sie, ist das so?
Ich höre wirklich viel Französisch im Viertel. Franzosen sind an sich unabhängige Menschen, die nicht in irgendein „Ghetto“ ziehen, weil dort alles wie zu Hause ist. Am Institut Français wird es also nicht liegen, dann vielleicht doch eher am Funkturm. Und richtig guten französischen Käse bekommt man auch – in der Crйmerie in der Windscheidstraße.  

Was mögen Sie an Ihrem Kiez – im Vergleich zu anderen Bezirken oder etwa zu Paris? 
In Paris konnte ich aus meinem Dachbodenfenster den Grand Palais und den Invalidendom sehen. Das geht hier gar nicht. Den Ernst-Reuter-Platz habe ich dagegen ziemlich lieb gewonnen. Der Charme von Charlottenburg ist etwas rau, das braucht ein bisschen Zeit, aber dann kommt man dahinter. Mir gefällt das Unaufgeregte. Auch wenn jetzt manche sagen, dass der Bezirk in Mode kommt, glaube ich nicht, dass man ihn irgendwie gentrifizieren kann. Er ist organisch gewachsen. Hier sind sowieso und schon seit jeher alle sozialen Milieus und Kulturen anzutreffen. Als Ärztin würde ich Charlottenburg eine gute Immunabwehr bescheinigen. 

Was ist schöner als in Paris?
Die Wohnungen. Für den Preis eines 40-Quadratmeter-Schuhkartons in Paris kann man ein 200-Quadratmeter-Penthaus haben.

Treffen Sie auch viele Künstler-Kollegen?
Die meisten meiner Freunde wohnen noch in Kreuzberg oder Neukölln, aber es herrscht eine gewisse Unzufriedenheit. Die Mieten steigen. Es ist nicht mehr wie früher. Ich würde mich freuen, wenn diese Leute den Schritt nach Charlottenburg wagen würden. Es wohnen ja schon ein paar sehr bekannte Künstler hier, obwohl es mit Atelierflächen schlecht aussieht. Da muss man sich eher in Richtung Moabit bewegen. Aber das ist ja auch nicht weit.

Welche Lokale sind angesagt? Ist die Paris-Bar, in der vor mehr als 30 Jahren Martin Kippenberger ein- und ausging, immer noch beliebt? 
Ich gebe es ungern zu, aber ich war noch nie dort. Dies ist ein mythischer Ort. Vielleicht ist er ja langweilig, aber für mich ist der Name Verheißung. Da kann ich mir die tollsten Dinge fantasieren, und das sollte am besten auch Fantasie bleiben. Ich besuche gern den kleinen japanischen Imbiss Heno Heno in der Kantstraße 65. Er verdient es, über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt zu werden.

Jetzt wohnen Sie bereits seit sieben Jahren in Charlottenburg und haben Ihr Atelier unweit des Amtsgerichts. Wie hat sich die Kunst- und Galerienszene seither entwickelt?
Ich war ziemlich erstaunt, als ich erfuhr, dass das C|O-Berlin jetzt herzieht. Das freut mich wirklich sehr. Denn die kulturellen Institutionen waren doch sehr auf Mitte konzentriert. Natürlich gab es bereits die Sammlung Scharf-Gerstenberg, das Museum Berggruen oder das Georg-Kolbe-Museum, aber dass ein angesagtes Haus nach Charlottenburg zieht, bringt schon eine neue Dynamik. Ich gehe auch sehr gern in die Oper. Die Staatsoper im Schillertheater hat die Umzugsbewegung vielleicht sogar in Gang gesetzt. Hoffentlich werden noch Pfahlbauten im Fundament Unter den Linden entdeckt, damit das Schiller Theater möglichst lange genutzt wird. 

Und die Galerien? Hier sind doch einige neu, Kornfeld in der Fasanenstraße etwa oder Volker Diehl, der zu seinen Charlottenburger Wurzeln zurückgekehrt ist.
Die Ausstellung von Isa Genzken in der Galerie Buchholz will ich mir unbedingt noch ansehen.

Sie sind eine richtige Lokalpatriotin?
Ja! Ich fände es schön, wenn die Museumsinsel nach Charlottenburg umgesiedelt werden würde.

Nachgefragt: Andrea Hilgenstock

Foto: Harry Schnitger

Katharina Ziemke wird von der Berliner Galerie Manzoni Schäper vertreten, www.manzonischaeper.com

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