Stadtleben

Kein Mief mehr in der Volksbühne!

Die Volksbühne lüftet ordentlich durch und lässt die abgestandene Luft raus. Der Muff, an den man sich über all die Jahre langsam gewöhnt hatte, soll sich verziehen. Und damit ist jezt ausnahmsweise nicht der künstlerische Mief gemeint, der sich auch mal langsam verziehen könnte, sondern der in er Luft. Nach dem Umbau für 12,5 Millionen Euro hat das Toten-Schiff am Rosa Luxemburg Platz nicht nur eine neue Drehbühne und Unterbühnen-Maschinerie, sondern auch eine moderne Klimaanlage im Zuschauerraum. Demnächst kann man also in der Volksbühne so gesund schlafen wie seit Jahren schon im Deutschen Theater und der Schaubühne. Sauerstoffmangel im Schlafzimmer führt ja bekanntlich zu wilden Träumen. Das hat uns früher so manche lange Volksbühnen-Nacht versüßt, aber damit ist jetzt Schluss. Vor allem konnte man früher, wenn sich wieder mal eine Castorf-Inszenierung gnadenlos in die dritte, in die vierte, in die fünfte Stunde zog, den erholsamen Premieren-Schlaf auf den Sauerstoffmangel im Parkett schieben. Wer in Zukunft wegdöst, hat keine Ausreden mehr. Und vielleicht bleibt das Publikum ja jetzt auch einfach wach bis zum Schlussapplaus, mit all der frischen Luft. Ob das der Rezeption der Volksbühnen-Kunst eher gut tut oder eher schadet, ist im Augenblick eine durchaus offene Frage.
 
Weitere Neuigkeiten: Demnächst trägt das Volksbühnen-Personal im Foyer bürgerliche Kleidung. Wenn von Bielefeld bis München die trendbewussten Stadttheater jugendliche Kultur-Dienstleister in bunten T-Shirts zum Karten-Abreißen engagieren, steuert die Volksbühne, die mit der betonten Lässigkeit irgendwann im vergangenen Jahrhundert angefangen hat, erfreulicherweise in die Gegenrichtung. Das kann nur der Anfang sein! Wir plädieren für Siez-Zwang im gesamten Haus und im Foyer ausschließlich Personal ab sechzig mit spätbürgerlich gepolsterten Umgangsformen wie in der Lobby eines altmodischen Grandhotels – denn genau das war die Volksbühne in ihren besten Tagen: Ein Grandhotel Abgrund.

Peter Laudenbach

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