Stadtleben

Keine Falten, keine Heldin

“Brauchst Du noch Karten fürs Madonna Konzert?“ fragt die Bekannte. Sie hats gut gemeint, aber ich habe keine Lust aufs Konzert und auch sonst das Interesse an Madonna verloren.

Dabei fing alles so verheißungsvoll an – als ich mit 15 Jahren Madonna zum ersten Mal im TV erblickte. Meine Freundinnen und ich waren derart beeindruckt, dass fortan die wichtigste Aufgabe darin bestand, so sexy, penetrant und versaut wie die Hauptdarstellerin im Video von „Like a Virgin“ auszusehen.

Da ich zu jener Zeit noch keinen nennenswerten Busen besaß, setzte ich neben übertriebenen Make Up vor allem auf die ausgleichende Wirkung der selbstbewussten Luzi an meiner Seite . Die Kumpanin besaß die größten Brüste im Kiez und würde durch bloße Anwesenheit vom eigenen Manko ablenken – hoffte ich jedenfalls.

Wir banden uns schwarze Schleifen ins Haar, schminkten uns die Münder rot und hingen uns billigen Strassschmuck um die dürren Hälse. Später auf dem Rummelplatz standen wir Madonnavery cool neben den Autoscooter und verdrehten demonstrativ die Augen, wenn Jungs rüberschauten, die nicht in schwarzen Lederjacken wie Billy Idol steckten. Wenn dann der DJ mit den schlechten Zähnen, der gleichzeitig auch den Kartenverkauf regelte, einen Madonnasong spielte, bekamen wir Gänsehaut. Mit den Lippen formten wir jedes einzelne ihrer Worte nach: „ Life – is – a- My-ste-ry…“ Das waren große Rummelmomente voller tief empfundener Sehnsucht, Glück und Vorahnungen auf ein freies Leben als Erwachsene.
Wie für Madonna schwärmten wir auch für Cindy Lauper, Robert Smith oder Siouxsie and the Banshees , doch während die Anderen nach und nach von der Bildfläche verschwanden blieb sie in unseren Leben präsent und lieferte den Soundtrack für wichtige Stationen. Meine Ausbildung begann mit „Whos that Girl“ geschmissen wurde sie bei „Like a Prayer“ , die Ehe wurde nach „Bedtime Story“ beschlossen, die Scheidung zu „Frozen“ eingereicht.

Das Madonna eine schlechte Schauspielerin ist, angeblich ein egomaner Kontrollfreak, der seine Mitmenschen über die Maßen nervt, schien mir nie ein Problem. Entscheidend am Heldentum ist der Mut fand ich immer und in dieser Hinsicht, so dachte ich, könnte man mit Madonna alt werden. Aber Madonna hats vermasselt.

Ausgerechnet die Frau, die sich einst auf Tabubrüche spezialisierte hat plötzlich die Hotpans voll vor lauter Angst vorm alt werden. Deshalb performt sie im Video zu „4 Minutes“ mit dem jungenhaften Timberlake , statt mit einem coolen Typen , wie Iggy Pop es hätte sein können. Und deshalb ließ sie sich das Gesicht operieren, wurde zum „New Face“ der Ästhetischen Chirurgie ausgerufen, nach dessen Vorbild sich zukünftig tausende Frauen in den OPs dieser Welt umschneidern lassen werden.

Dabei hätte sie doch Heldin sein können, die mit Selbstverständlichkeit zu gelebten Gesichtszügen steht und dabei aufmüpfig und sexy wie immer ist. Und wer, wenn nicht Madonna, hätte schon das Zeug dazu gehabt? Aber Frau Ciccone musste ja kneifen. Zu blöd, Madonna hat keine Falten mehr und ich keine Heldin.

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