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Kiezläden kämpfen: „Wenn wir nichts tun, gehen wir unter“

Die Initiative Kiezhelden stellt Berlinern*innen kleine, lokale Betriebe vor. Im Zuge der Corona-Krise gewinnt die Plattform an Bedeutung. Viele Berliner Kiezläden kämpfen um ihr Überleben.

„Wir erhalten zurzeit viel mehr Zuschriften als sonst. In einigen Nachrichten lassen die Gewerbler durchklingen, dass sie ernsthaft um ihre Existenz bangen“, sagt Ann-Kathrin Gräfe. Gräfe ist Teil des Teams, das hinter der Initiative Kiezhelden steht, die seit 2018 Berlins lokalen Handel unterstützt. Auf der Plattform www.kiezhelden.berlin und auf dem Instagram-Kanal der Initiative werden die kleinen Betriebe vorgestellt, die einen Gegenpol zum pulsierenden Online-Geschäft bilden, und das Leben in Berlins Kiezen zu dem machen, was es ist.

Obwohl die Corona-Krise das Kleingewerbe massiv einschränkt, versuchen viele Kiez-Geschäfte weiterhin für ihre Kunden da zu sein, entwickeln selbst Online-Angebote oder werden anders kreativ, um sich finanziell über Wasser zu halten. Doch so divers die Berliner Kieze sind, so unterschiedlich sind die Lebensrealitäten der Kleingewerbler – einige trifft die Krise noch härter als andere.

Wir haben drei Kiezhändler*innen gefragt, wie sie während der Krise versuchen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Corona trifft die Kleingewerbe hart – Kiezläden kämpfen

„Die Schließung kam plötzlich. Von einem Tag auf den anderen. Und trifft mich hart.“ Diana Rückert gehört das Spielzeugwarengeschäft Kleiner Schlauberger in Berlin-Pankow. Mitte März erfuhr Rückert, dass sie ihr Geschäft am nächsten Morgen schließen müsste. In ihrer Verzweiflung veröffentlichte sie einen Facebook-Aufruf und machte so an ihrem vorerst letzten Arbeitstag noch „einen guten Umsatz“.

Trotzdem: Für den Kleinen Schlauberger wird es schwierig, sich finanziell über Wasser zu halten. Zwar betrieb Diana Rückert schon vor der Corona-Krise, zusätzlich zu ihrem Geschäft, den Online-Shop Kleiner Pffifikus – dieser läuft laut Rückert aber noch nicht sehr gut. Umsätze fehlen. Die überschaubare Menge an Bestellungen liefert sie zurzeit noch selbst aus.

„Wenn wir nichts tun, gehen wir unter“

„Die Situation ist wirklich sehr hart und geht an die Existenz. Das komplette Ostergeschäft geht mir in diesem Jahr flöten.“ Zum Glück hat Rückert keine Mitarbeiter*innen zu bezahlen. Wie sie im April jedoch ihre Ladenmiete zahlen soll, weiß sie nicht. „Mein Vermieter kommt mir bisher wenig entgegen. Mir wurde zwar eine Stundung angeboten. Damit ist mir aber wenig geholfen.“

Rückert hat Hoffnung, dass die staatlichen Zuschüsse, die sie ab dieser Woche beantragen kann, ihr durch die schlimmste Zeit hindurch helfen.

In der Zwischenzeit hat sie sich Gedanken gemacht, wie sie für Eltern und Kinder während der Quarantäne bestmöglich dasein kann. Über die Whatsapp-Nummer 0151 22 75 89 70 können sich Eltern beraten lassen und Rückert schnürt dann Langeweile-Pakete für Drei- bis Fünfjährige und Sechs- bis Neunjährige. Auch ein Osterpaket und ein Lernpaket für das Homeschooling hat sie Planung.

„Ich will weiterhin für mein Kunden da sein und muss mich zugleich selber über Wasser halten. Wenn wir nichts tun, gehen wir unter.“



„Wir versuchen mitzudenken“

Der Familientrieb Claudias Berufsbekleidung befindet sich in Mitte, nahe dem Strausberger Platz. Normalerweise gehen hier Schutzausrüstung und Arbeitskleidung für Handwerker*innen und in anderen Berufen Arbeitende über die Ladentheke. Zurzeit jedoch machen Inhaberin Catrin Schubert und ihr Team fast den kompletten Umsatz mit Schutzausrüstung für Ärzt*innen und Pflegepersonal.

„Mit anderem Berufsbedarf machen wir so gut wie keinen Umsatz mehr“, sagt Inhaberin Schubert. „Die Nachfrage nach medizinischer Schutzausrüstung ist zwar sehr hoch, wir können sie jedoch nicht bedienen. Nun versuchen wir mitzudenken.“

Am Wochenende näht Schubert daher mit zwei ihrer Mitarbeiterinnen selbst Atemschutzmasken. Diese entsprechen laut Schubert zwar nicht den höchsten Hygiene-Standards. Man müsse aber umdenken, es gehe langsam ums „nackte Überleben“.

Da Claudias Berufsbekleidung „systemrelevante“ Ware verkauft, darf der Laden zurzeit noch geöffnet bleiben. Darüber ist Schubert auch froh. „Uns sind alle Aufträge von Firmen weggebrochen, mit denen wir sonst unseren Umsatz machen. Nun strukturieren wir um. Wir wollen offenbleiben und nähen daher Tag und Nacht aus vorhandenem Material die dringend notwendigen Schutzmasken.“


„Ich versuche Zukunftsgedanken zu vermeiden“

Als Katja Weis zurückruft, tönt ihre Stimme durch die Freisprechanlage ihres Autos. Weis betreibt ein Geschäft für Kinderschuhe im Friedrichshagener Bölschekiez. Dass sie ihren Laden von heute auf morgen nicht mehr aufmachen durfte, wollte sie erst nicht wahrhaben.

„Ich dachte erst, egal was kommt, ich schließe nicht. Dann bin ich zur Vernunft gekommen. Die Strafen sollen auch nicht gerade niedrig sein.“

Als Schuhhändlerin musste Weis die Ware für das Frühjahr schon vor einigen Monaten bestellen. Die Lieferanten werden im Nachhinein bezahlt. Im März und April fehlen Weis durch die Ladenschließung jedoch 30.000 Euro Umsatz. In ihrer Verzweiflung hat sie sich einen Facebook-Shop eingerichtet. Für komplexere technische Lösungen fehlt ihr das Geld.

Eine einzige Bestellung erhielt sie bisher. Diese lieferte sie persönlich aus. „Ich kann nur hoffen, dass die Menschen jetzt aus meinem Facebook-Shop bestellen.“ Sie hat jedoch Zweifel. Kinderschuhe würden lieber im Laden anprobiert und gekauft, da die Größen sehr unterschiedlich ausfallen und die Kunden sicher gehen wollen, dass die Schuhe passen.

Nach der Ladenschließung reagierte Weis prompt und ließ sich als Mini-Jobberin bei EDEKA anstellen, um wenigstens ein kleines Einkommen zu haben. Das Thema Ladenmiete bereitet ihr Kopfschmerzen. Zu ihrem Vorschlag, die Miete in Teilen zu bezahlen, hat sich ihr Vermieter bisher nicht zurückgemeldet.

Nun lebt sie in der Hoffnung, dass die Schuh-Lieferanten Verständnis für ihre vorübergehende Zalungsunfähigkeit zeigen. Und sie hofft, dass der Staat Hilfen für Selbstständige bereitstellt, die noch keine drei Jahre auf eigenen Beinen stehen. „Gerade die, die sozusagen selbstständig frisch gestartet sind, brauchen die größte Unterstützung. Ich würde es alleine schaffen, aber diese Krise trifft mich hart. Gedanken an die Zukunft versuche ich gerade möglichst zu vermeiden.“


Hier geht es zu einigen allgemeinen Tipps, wie man lokale Unternehmen während der Corona-Krise unterstützen kann.

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Beitragsbild: imago images / ZUMA Wire

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