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Die Kinderporno-Jäger vom LKA: So arbeiten die Ermittler in Berlin

Kinderpornografie verbreitet sich immer mehr – und die Herstellung nimmt ebenfalls zu. Im Fokus der Ermittlungen steht dabei meist das Internet. Ein Besuch im Berliner Landeskriminalamt 131, dessen Beamte nach den Tätern fahnden, das abscheuliche Material sichten müssen – und Verstärkung bekommen sollen.

Die Geschichte des Unbekannten, der Kinder entführt, ist eher die Ausnahme. Meist findet Missbrauch – auch der für Kinderpornos dokumentierte – im engeren sozialen Umfeld statt. Foto: Imago/Geisser

Kinderpornografie in Berlin: Die verachtetsten Verbrechen

Immer wieder sollen sie sich getroffen haben. Männer, 30 bis 47 Jahre alt, die offenbar ein Interesse einte: Kinderpornografie. Gemeinsam sollen sie Drogen konsumiert, entsprechende Videos gesehen und Sex gehabt haben. Elf der 15 Männer, die mit dem Tatvorwurf der Berliner Polizei in Zusammenhang stehen, lebten in dieser Stadt, als Beamte im November 2011 anrückten – in anderen Bundesländern gab es weitere Razzien.

Wenn solche Meldungen bekannt werden, dann haben Judith Dobbrow und Torsten Dreblow ihre Arbeit richtig gemacht: Die beiden arbeiten im LKA 131, das ist ein Kommissariat im Bereich Delikte am Menschen, angesiedelt im Dezernat für Sexualdelikte. Die beiden – sie als Leiterin, er als Kriminalhauptkommissar – beschäftigen sich mit dem dokumentierten sexuellen Missbrauch von Kindern. Oder, umgangssprachlich: mit Kinder- und Jugendpornografie.

Sie verfolgen die Menschen, die sie herstellen, verteilen, konsumieren. Die meisten reagieren zurückhaltend, wenn sie das hören. Denn, das steht außer Frage, Sexualdelikte an Kindern zählen gesamtgesellschaftlich zu den wohl am meisten verachteten, zu den auch ekeligsten Verbrechen.

Für solche Gefühle ist im Polizeialltag aber wenig Platz. Die Beamten müssen mit Opfern und Tätern sprechen, aber auch das Material sichten. Für viele sicher eine absurde, belastende Vorstellung. Warum tut man sich so etwas an?

Dezernatsleiterin: „Ich wollte Sexualdelikte bekämpfen“

„Ich wollte immer Sexualdelikte bekämpfen“, sagt Dobbrow. Zuerst kümmerte sie sich um Vergewaltigungen, wurde dann gefragt, ob sie in die Leitung des neuen Bereichs wechseln wollte: „Meine Entscheidung war: Ich schaue mir das an. Es hat auch in der Polizei so einen Nimbus, dass das etwas sehr Schreckliches sei – das ist es auch. Aber wir sind freiwillig hier.“

Ihr Kollege Dreblow bestätigt: „Wir haben eine professionelle Distanz – wir haben Mütter hier, junge Väter, wir können und müssen damit umgehen.“

Was „damit“ bedeutet, belegen die Zahlen: Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes zeigt einen deutlichen Trend nach oben. 2019 gab es 12.262 Fälle von Herstellung, Besitz und Verbreitung kinderpornografischen Materials. Mehr als doppelt so viele wie zum Beispiel 2016 (5.687), immer noch deutlich mehr als 2018 (7.449). Die große Masse der geklärten Fälle drehte sich um Verbreitung und Besitz/Beschaffung. Aber es wurde auch mehr produziert – das heißt, es wurden mehr Kinder in Deutschland bewusst zum Erstellen von Kinderpornografie missbraucht.

Gesetzlicher Spielraum erschwert Ermittlerarbeit

„Die ganze Bundesrepublik hat ein hohes Fallaufkommen“, sagt Dobbrow. Die 53-Jährige ist seit 1997 mit Kinderpornografie befasst, ihr Kollege seit 2007. Sie können entscheidende Wendepunkte mit der technischen Entwicklung in Einklang bringen.

Judith Dobbrow (Leterin) und Torsten Dreblow (Kriminalhauptkommissar) LKA 131, Kommissariat im Bereich Delikte am Menschen, angesiedelt im Dezernat für Sexualdelikte (Schwerpunkt der Beiden: Kinder- und Jugendpornografie). Foto: tipBerlin

„Früher wurden Videokassetten getauscht“, erklärt die Leiterin. Die Verbreitung schnellen Internets, dann der Smartphones, seien natürlich spürbare Meilensteine gewesen. „Da hatten wir schnell sehr viel mehr Fälle.“ Die Suche nach den Tätern ist oft kompliziert, auch, weil oft weltweit getauscht wird. Beide betonen, dass es zum allergrößten Teil Männer seien.

Deutlich mehr Fälle gibt es, seitdem Internetprovider in den USA Auffälligkeiten melden müssen. Dafür wurde das National Center for Missing and Exploited Children, (NCMEC) gegründet, das viele Daten nach Deutschland weitergibt.

Leider scheitert es hier in Deutschland oft an gesetzlichen Spielräumen: „Die Vorratsdatenspeicherung würde uns helfen“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Viele Politiker säßen dem Irrglauben auf, dabei würden auch Unterhaltungen und ähnliches gespeichert. „Wir wollen die Verbindungsdaten.“

Die Ermittler müssen Datenträger nach neuer Kinderpornografie durchsuchen

Warum? Beispiel „Operation Himmel“, 2007.  Auf der Suche nach Material landeten zig Personen auf dem gleichen Server. Mithilfe der IP-Adressen konnten die Täter gefunden werden: „Allein in Berlin haben wir bestimmt 100 Wohnungen durchsucht.“

Ein riesiger Erfolg. Damals wurden die IP-Adressen noch gespeichert und waren Menschen zuzuordnen. Die tägliche Arbeit wird auch davon bestimmt, das beschlagnahmte Material einzuordnen. Die relevanten Dateien muss das LKA 131 kontrollieren. Schon allein, um zu wissen, ob sich Hinweise auf weitere beteiligte Personen finden lassen, auf Aufnahmeorte, ob neues Material dabei ist.

„Teilweise stellen wir Festplatten mit vier Terrabyte Daten sicher“, sagt die Leiterin. Einiges haben sie schon gesehen, die Produktion geht aber immer weiter. „Wenn wir zum Beispiel das Gefühl haben, etwas Neues zu sehen und im Hintergrund amerikanische Steckdosen erkennen, dann geben wir das entsprechend weiter.“

Aber wer sind eigentlich die Täter? Eine standardisierte Antwort gibt es darauf nicht, zumindest nicht bei den Konsumenten – wer eine entsprechende Neigung hat, hängt nicht von Einkommen, Herkunft, Bildung oder ähnlichem ab.

Die Täter eint allein das Interesse, sexuelle Interaktion mit Kindern und Jugendlichen zu betrachten, zum Lustgewinn. „Wobei es auch dabei Unterschiede gibt – einige haben FKK-Bilder, andere explizite Szenen.“ Vereinzelt komme es vor, dass Menschen schlicht alles an Pornografie im Internet zusammenklauben, was sie eben finden können. Dass da Kinderpornos dabei sind, ergibt sich dann aus der Sammelwut, macht es aber nicht weniger strafbar.

Versehentlich Kinderpornografie finden ist Unfug

Auch die Geschichten einiger, die von der Polizei ermittelt wurden, man habe zufällig Bilder entdeckt oder wolle der Polizei beim Ermitteln helfen, fallen schnell ineinander zusammen. „Wenn ich Waldpilze in Brandenburg google, lande ich nicht versehentlich bei Kinderpornografie“, sagt Dobbrow ein wenig gehässig.

Wahrscheinlich hat sie solche Ausreden zu oft gehört. „Und wenn ich tatsächlich versehentlich eine Kinderporno-Seite entdecke, dann rufe ich bitte sofort die Polizei und speichere nicht erst 17.000 Dateien.“

Bereits die gezielte Suche nach Kinderpornos ist strafbar. Es gibt auch keine Notwendigkeit für Privatpersonen, danach zu suchen. Auch das LKA 131 geht nicht ohne Anlass auf die Suche: „Berlin hat entschieden, dass wir keine anlassunabhängigen Ermittlungen in diesem Feld machen – einige LKÄ tun dies, es ist aber nicht notwendig, dass in 16 Bundesländern eigenständig nach kinderpornografischen Inhalten gesucht wird.“

Kinderpornografie nicht nur im Darknet versteckt

Kinderpornografie spielt sich häufig im Darknet ab. Einem versteckten Internet, das nur per Zusatzsoftware und nicht über handelsübliche Browser zu betreten ist, das nicht von Google oder anderen Suchmaschinen ausgelesen werden kann und das nicht mit normalen Website-Namen, sondern numerischen Codes arbeitet.

Es gilt als Umschlagplatz für Drogen, für Waffen, aber eben auch für Kinderpornografie. 2019 hatte es etwa weltweit 337 Festnahmen gegeben, weil Nutzer einer Videoplattform im Darknet ermittelt wurden, die dort auf rund 250.000 Kinderpornos zugreifen konnten – eins der größten bisher bekannt gewordenen Angebote.

Tatsächlich ist es aber für die Täter gar nicht notwendig, so viel Energie zu investieren. Wer sucht, der findet auch im „normalen“ Web schnell entsprechende Inhalte. Gut dabei: „Viele Täter glauben nach wie vor, dass sie anonym im Internet unterwegs sind“, so die Leiterin des LKA 131. Ein Trugschluss. Zu den genauen Ermittlungsmethoden will sie aus taktischen Gründen keine Angaben machen – ebenso wenig wie zur Personenstärke ihres Teams und anderen Interna.

Was ihr und ihrem Kollegen Dreblow Sorge bereitet, ist nicht nur das vorhandene Material, sondern auch, wie schnell die Pädophilen direkt über Kinder und Jugendliche an das kommen, was sie wollen. Cybergrooming heißt ein noch verhältnismäßig neuer Trend: Unter Vorspiegelung falscher Identitäten, aber teils auch ganz direkt, nehmen Männer in Foren, in Chat-Apps, in sozialen Netzwerken Kontakt mit Kindern und Jugendlichen auf, die sie dann mit Interesse und gutem Zureden dazu bringen, intime Fotos zu teilen.

Kein einfacher Job: In den Landeskriminalämtern wird viel kinderpornografisches Material ausgewertet. Symbolbild: Imago/Localpic

Meistens findet der Missbrauch im engeren sozialen Umfeld statt

„Das ist etwas, das natürlich mit der Verbreitung der Smartphones und damit, dass heute schon Kinder ihre eigenen haben, stark zugenommen hat“, so Dobbrow.

Konsumenten von Kinderpornografie sind diverser in ihren Beziehungen zu den Opfern als jene, die Kinder missbrauchen, um Kinderpornografie zu produzieren. In aller Regel, das bestätigen beide, findet Missbrauch im engeren sozialen Umfeld statt. Beispielsweise Väter, Onkel, Nachbarn, Erzieher, Trainer.

„Da merkt man auch, dass man selbst etwas misstrauischer wird, wenn man immer mit solchen Fällen zu tun hat“, sagt Dobbrow. Dass fremde Kinder entführt und missbraucht werden, ist Realität – ereignet sich aber seltener als Fälle mit Menschen, die das Kind kennen.

Wo entsteht die meiste Kinderpornografie? „Immer da, wo Menschen sehr arm sind und in der Not bereit sind, ihre Kinder mehr oder weniger zu verkaufen.“ Aber es kann genauso gut in der eigenen Familie, der Nachbarschaft, in der Kita oder in der Grundschule geschehen.

Berliner Mutter gab Kinder Adoptivbruder für Pornofilme

Sie erinnere sich an den Fall einer Mutter, die ihre drei Kinder ihrem Adoptivbruder überließ. Gemeinsam produzierten sie dann Kinderpornografie, 5 TB Daten mussten ausgewertet werden. Letztlich wurden sie nach elf Jahren voller sexueller Gewalt im Jahr 2019 wegen Missbrauchs in mehr als 1.000 Fällen angeklagt. Nicht irgendwo in der Welt, sondern in Berlin-Schöneberg.

Zwei Monate dauerte der Prozess, 13 Jahre Haft und Sicherungsverwahrung für ihn, sechs Jahre und zehn Monate Haft für sie.

Dass das Thema Kinderpornografie irgendwann beendet ist, das glauben beide Beamten nicht. Es wäre auch naiv. Wie jede Form der Kriminalität wird sich auch diese fortsetzen. Allerdings: Noch in diesem Jahr soll das Team deutlich aufgestockt werden – angesichts der steigenden Fallzahlen und Datenmengen eine nachvollziehbare Entscheidung.

Das allein reicht jedoch nicht. Dobbrow berichtet zum Beispiel, dass es nicht genug Therapieplätze für Täter gibt. Nur wenige Projekte beschäftigen sich mit Menschen, die pädophile Neigungen haben und sich mit psychologischer Betreuung davor schützen wollen, selbst zum Täter zu werden oder eben auch kinderpornografische Inhalte zu beschafften, bevor es zu spät ist.

„Bei den Verfahren gegen Konsumenten geht es oft auch darum, den Menschen aufzuzeigen, dass sie ein Problem haben, dass ihre Interessen gegen das Gesetz verstoßen, dass Menschen – in diesem Fall Kinder – geschädigt und für ihr Leben traumatisiert werden.“ 

Eine wichtige Frage ist auch, wie sich Menschen, vor allem wie Eltern ihre Kinder schützen können. „Genau hinschauen“, sagt Dobbrow. Wer einen Verdacht hat, etwas sieht und hört, solle sich an die Polizei wenden. Aber Eltern sollten auch mitdenken: Wer mit seiner Spiegelreflex-Kamera Zoom-Aufnahmen von seinen Kindern im Planschbecken macht, produziert unter Umständen unfreiwillig problematisches Material. Wer das dann noch unbedarft ins Internet stelle, tut das Übrige.

„Diese Verbindung haben Eltern oft nicht“, sagt Kriminalhauptkommissar Dreblow. „Die sehen ihr süßes kleines Kind, und dass es gerade ganz niedlich aussieht. Dass es Menschen gibt, die auch an solchen Bildern ein hohes sexuelles Interesse haben, das sehen sie nicht.“ Und, das hat der Besuch im LKA auch deutlich gemacht: Die Zahl der Täter wird nicht kleiner.


Wie die Charité pädophile Menschen therapiert

An der Charité startete bereits vor mehr als 15 Jahren das „Präventionsprojekt Dunkelfeld“. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Pädophilie, also sexuelles Interesse an Kindern und Jugendlichen, ist häufig auch für die Betroffenen ein Problem. Viele wissen, dass ihr Verlangen nicht in Ordnung ist. Lange Zeit waren sie damit allein, inzwischen gibt es Therapie- und Hilfsangebote. Aufmerksamkeit erlangte 2005 die Kampagne „Kein Täter werden“, die auf ein Präventionsprojekt der Charité aufmerksam machte. „Präventionsprojekt Dunkelfeld“ nennt es sich. In Berlin gestartet, weitete sich dieses Projekt auf weitere Städte aus.

Ein kostenloses und „durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und deshalb therapeutische Hilfe suchen“, heißt es beim Institut für Sexualwissenschaften und Sexualmedizin. Inzwischen ist daraus auch ein Präventionsprojekt für Jugendliche entstanden. Auch wenn in der Charité– gemäß internationaler Standards – bei Menschen, die jünger als 16 Jahre sind, nicht von Pädophilie gesprochen wird.

Das Institut hat auch „TroubledDesire“ entwickelt, ein Webbrowser-basiertes Selbsthilfeprogramm für Menschen, die sich sexuell zu Kindern oder/und Jugendlichen in der beginnenden Pubertät hingezogen fühlen. Seit zwei Jahren ist es online, Ende vergangenen Jahres sind digital 5.400 Interviews gestartet, 2.800 abgeschlossen worden. Diagnostik und Behandlung finden anonym und inzwischen in sieben Sprachen statt.

Mehr Informationen bei der Charité.


Wie Eltern ihre Kinder vor Tätern im Netz schützen

Kinder sollten bei der Internetnutzung nicht sich selbst überlassen werden. Foto: Schau Hin!

„Cybergrooming“ nennt es sich, wenn Erwachsene gezielt Minderjährige online ansprechen, um ihr Vertrauen und dann oft intime Fotos zu bekommen. Über diverse Apps ist dies relativ einfach – vor allem, wenn die Eltern nicht darauf achten, was die Kinder eigentlich im Internet treiben. „Zum Schutz vor Cybergrooming ist für jüngere Kinder die Auswahl altersgerechter Plattformen und Anwendungen wichtig, die keine oder eine moderierte Chatfunktion haben“, rät Iren Schulz, Mediencoach bei Schau Hin!, einem Medienkompetenz-Projekt von Bundesfamilienministerium, ARD und ZDF sowie AOK.

„Mit älteren Kindern und Jugendlichen können Eltern über das Risiko von sexualisierter Anmache im Netz sprechen und Regeln für Online-Kontakte vereinbaren“, sagt sie. Bei Jüngeren, denen das Verständnis dafür noch fehlt, helfen Sperren. Smartphones lassen sich so einstellen, dass Kinder nur auf bestimmte Optionen Zugriff haben. Altersgrenzen bei Apps sollten unbedingt beachtet werden.

Die Täter freunden sich meist mit den Opfern an, der Chat wird immer intimer. Häufig werden dann geteilte Informationen genutzt, um weiteres Material zu bekommen. Aber schon bevor Bilder und weiteres getauscht werden, ist der Tatbestand des Cybergroomings erfüllt – bereits die Kontaktaufnahme in der entsprechenden Absicht ist strafbar.

Mehr Infos bei Schau Hin!


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