Stadtleben

Kirche

Vielleicht bilde ich mir das ein, aber die Zeichen häufen sich. Zum Beispiel neulich, als der transsexuelle Nachbar, der früher ein Mann war und heute eine Frau mit einem Preisringerkreuz und riesigen Brüsten ist, seine Motorradsammlung auf einen Hänger hievte, fragte ich, was er da tue. Er fahre, so kam die Antwort, zum Treffen christlicher Motorradfahrer. Noch grübelnd, ob denn die christlichen Motorradfahrer durch den Glauben an die Wiedergeburt womöglich ein besonders waghalsiger Fahrstil auszeichnet, ging ich an einem Ladenlokal vorbei, in dem Selbstgebackenes und Kerzen im Fenster standen und ein Zettel an der Scheibe klebte, auf dem zum ökumenischen Miteinander eingeladen wurde. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die Einladung eines Arbeitskollegen zur Taufe seines Sohnes und an einen großen Artikel in der Zeitung über den wahnsinnigen Zulauf einer Kirchengemeinde in Prenzlauer Berg, wo junge Familien mit einer zünftigen Predigt ihren Freizeitmix komplettieren. Mir wurde ganz mulmig, denn man muss dazu sagen, dass ich aus Paderborn komme – einem Bistum, in dem die Teufelsaustreibung noch in den 80er-Jahren zum Repertoire des Domkapitels gehörte – und hier quasi seit 20 Jahren in einer Art Diaspora lebe. Mit meinem Umzug ließ ich den Kirchenwahnsinn hinter mir, und als der Papst meine Heimatstadt 1996 besuchte und ich die Ordensmänner vor ihm in vollem Wichs aufmarschieren sah, war ich längst aus der Kirche ausgetreten.

Berlin war ja nicht nur ein Ort, an dem man dem Wehrdienst entgehen konnte und den westdeutschen Spießern – es war auch das Traumziel aller, die mit der Kirche nichts anfangen konnten. Wer in die Kirche ging, hätte sich auch gleich als Fan des FC Bayern München zu erkennen geben können. Oder als Mitglied der DVU.
Anscheinend hat sich das aber gewandelt, und ich frage mich, warum: Ist die Wiederentdeckung der Kirche nur eine weitere Ausprägung jener strukturkonservativen Anwandlungen, die sich auch in einem Umzug ins Townhouse mit Vorgarten und Garage zeigt? Suchen da womöglich Menschen Orientierung, wie das immer so orientierungslos heißt? Trost, wie es nicht minder trostlos klingt? Um gegen die explodierenden Scheidungsraten ein Zeichen zu setzen, um dem Facebook-Wahnsinn ein schönes  Kaffeetrinken mit Kerzenziehen und Kuchenbasar entgegenzusetzen?
Ich rufe den christlichen Motorradfahrern und den frischgetauften Kleinfamilienbesitzern aus dem Umfeld der Gethsemane-Kirche zu: Erwachet! Glaubt an den Zauber einer atheistischen Stadt, in der Kirchen allenfalls noch dazu dienen, abgefahrene Partyorte und architektonische Sonderbarkeiten zu sein. In der man schon vor den ganzen Missbrauchsfällen wusste, dass sie ein Hort für Sonderlinge darstellt, die an die Erschaffung der Welt durch einen alten Mann mit Vollbart glauben, an die heilende Kraft von Weihwasser und all den anderen evangelikalen Ringelpiez.
Lasst uns den Glauben an diese Stadt!

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