Stadtleben

K\Naan – The Dusty Foot Philosopher

Darf ich eigentlich mein TIP-Blog für eine banale Plattenrezension missbrauchen? Ich meine, wenn es um Musik geht, dann könnte ich mich ja auch an die Musikredaktion wenden und eine kleine Rezension schreiben… Aber hey! Dies ist mein Blog, mein Raum, und wer glaubt, ich hätte keinen Grund für diesen Blogeintrag, der möge doch einfach weiter klicken. Schließlich geht es in diesem Blog um Musikbegeisterung und HipHop-Kultur und um ein Album, das bereits drei Jahre alt ist.

K'Naan - The Dusty Foot PhilosopherVor einigen Monaten bin ich über einen amerikanischen College-Podcast auf das Album „The Dusty Foot Philosopher“ des Rappers K’Naan aufmerksam geworden. K’Naan ist ein Vertreter des in deutschen Gefilden zur Zeit medial recht unterrepräsentierten Felds des „Conscious Rap“. Er wurde geboren in Mogadischu und konnte mit seiner Familie 1991 noch knapp dem Bürgerkrieg entfliehen, der die Hauptstadt von Somalia erreichte. Heute lebt er in Kanada.

Abgesehen davon, dass jemand mit einer solchen Biografie von mir 150 Prozent mehr Respekt bekommt als jeder deutsche Gangsterrapper, erscheint mir die musikalische Melange, mit der K’Naan seine reflektierten und sozialkritischen Texte umgibt, sehr interessant und besonders. Über Musik zu reden, ist bekanntlich genauso gut möglich, wie über Architektur zu tanzen. Aber K’Naan hat jedoch genau Letzteres geschafft und lässt mich seitdem durch die Berliner City schweben und all den Obdachlosen ein Lächeln schenken und eine Spende in den Plastikbecher legen. Denn seine Texte und seine Musik erinnern mich jedes Mal daran, wie gut es mir eigentlich geht. Und dieses meine ich in einem positiven Sinne und nicht aus einer übergestülpten Betroffenheitsmentalität heraus.

In schlimmen Momenten klingt seine Musik wie Weltmusik von Peter Gabriel, in den (Gott sein Dank) überwiegenden, guten Momenten ist „The Dusty Foot Philosopher“ ein musikalisches Kleinod, welches mir die globale Bedeutung von HipHop mit seinen vielfältigen lokalen Ausprägungen vor Augen führt. Die Beats und Instrumentierung stehen für eine musikalische Ausgewogenheit aus afrikanischen und nordamerikanischen Elementen, traditionelle Instrumente greifen in Elektronik, und bisweilen zaubert er eine schönere 70er Jahre-Rockästhetik hervor, als 50 Kleingruppen mit Gitarren im Volkspark Friedrichshain („If Rap Gets Jealous“). K’Naan erscheint mir als Weltenschreiter, der die Grätsche zwischen den Kulturen, die sich auch in seiner Biografie spiegelt, wunderbar unprätentiös meistert.

Afrika, Amerika – warum scheint es solche Phänomene nie in deutscher Ausprägung geben zu können? Sind wir Deutsche zu  engstirnig, als dass wir eine solch‘ weltoffene Mischung musikalischer Stile zelebrieren könnten und nur verbissen und ohne Groove auf unsere Djembй in der Trommelschule einschlagen? Doch auch Berlin hat musikalische Weltenschreiter. Ich möchte an dieser Stelle den Prenz’lberger Damion Davis nennen, der mir musikalisch wie textlich eine ähnliche künstlerische Freiheit und Vielfältigkeit anstrebt wie K’Naan – und dabei seine deutsche Identität ins globale HipHop-Universum trägt.

Ein Wermutstropfen scheint, dass „The Dusty Foot Philosopher“ in Deutschland nahezu nicht erhältlich ist. Ich habe meine CD aus Kanada via Internet bestellt, da ich nicht bereit war, die überteuerten deutschen Preise zu bezahlen. Obwohl die Musik auch 30 Euro wert wäre, wenn ich wüsste, dass der Künstler das Geld bekommt. Aber da dies nun einmal nicht so ist, hat sich das Warten – auch im musikalischen Sinne – gelohnt.

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