• Stadtleben
  • Kommentar: Bread & Butter im Flughafen Tempelhof

Stadtleben

Kommentar: Bread & Butter im Flughafen Tempelhof

TempelhofEs waren vielleicht nur wenige Stunden Mitte der letzten Januarwoche, in denen ein sich geheimnisvoll gebendes Video auf der Website des Modemesse-Veranstalters Bread & Butter (BBB) ausgestrahlt wurde. Zu sehen waren darin rasant geschnittene Bilder von der deutschen Hauptstadt: kurze An­sich­ten vom hippen Geschehen auf Szenestraßen im düsteren Winterlicht. Ein paar stoppel­bärtige, raue Kerle, die sich in einem Tattoo-Studio blutig ritzen ließen. Oder ein junger, sympathisch-zerzauster Straßenzeitungsverkäufer als wackerer Garant für das authentische, ir­gendwie herrlich kaputte Berlin.

In dieser Bread-&-Butter-Stadt tat sich etwas: Wie auf unsichtbare Zeichen hin rotteten sich in dem Filmchen junge, flippig-schöne Denim-Menschen zu immer größeren Horden zusammen. Zu Rammstein-ähnlichem Sound strebten sie einem erst unbekannten, dann sich immer klarer herauskristallisierenden Ziel zu. Vorbei am Luftbrückendenkmal zog es die Massen magnetisch zum Flughafen Tempelhof. Und je hysterischer es die Horde vorwärtstrieb, desto abgehackter war das Refrain-Stakkato aus dem Off – „Berlin, Berlin, Bread-&-Butter-Berlin“.

Ein weiteres Video auf der BBB-Website tags darauf erklärte das „Mysterium“: Die Bread-&-Butter-Messe kommt zurück nach Berlin. Ein Geheimnis, das die Spatzen zwar seit Tagen von den Dächern pfiffen, das BBB-Chef Karl-Heinz Müller dennoch nicht davon abhielt, sich auf der entsprechenden offiziellen Abendveranstaltung im Flughafen Tempelhof mit riefenstahlschem Pathos als Erlöser zu inszenieren. Zahlreiche Statisten waren bis dahin an seiner Seite verschlissen worden. Unter ihnen kein Geringerer als Klaus Wowereit.
Denn dass Berlins Bürgermeis­ter in dem Flughafen-Eroberungsstück über eine Komparsenrolle nicht hinausgekommen ist, legt schon die handstreichartige Vereinnahmung des Flughafens – der Senat sicherte der Modemesse für jeweils zwei Monate im Jahr ein zehnjähriges Mietrecht zu – recht nahe.

Weder brachten sich die Bread-&-Butter-Macher kurz nach der Schließung Ende Oktober 2008 mit fairem Sportsgeist in die öffent­liche Diskussionen um die künftige Nutzung des Flughafens ins Spiel. Noch tauchte die BBB bei dem Ideenwettbewerb auf, dessen Ergebnisse immerhin erst Mitte Januar, kurz vor der Rück­kehran­kündigung Karl-Heinz Müllers, in der Abflughalle des alten Flughafens präsentiert wurden. Dass sich die Beteiligten des Ideenwettbewerbs nun ziemlich düpiert fühlen, ist mehr als verständlich. Beim Alliiertenmuseum jedenfalls, einem der Anwärter auf einen Teil der Flughafenhallen, war man schlichtweg sprachlos.

Und auch Christoph Fisser, einer der Initiatoren des lange durchdachten Projektes „Filmhafen Tempelhof„, entfuhr nur ein wütendes „Das ist bodenlos! Das kommentieren wir nicht!“ Mit seiner geheimniskrämerischen BBB-Rückholaktion – Gerüchten zufolge wird seit November 2008 hinter den Kulissen mit dem BBB-Chef verhandelt – hat Klaus Wowereit der Stadt einen nachhaltigen Bärendienst erwiesen: Welcher ernst zu nehmende Projektentwickler will es jetzt noch riskieren, sich auf arbeits- und kostenintensive Ideenwettbewerbe einzulassen, wenn hinterrücks auf Amigo-Niveau abge­kaspert wird? Zahlen die BBB-Macher für die Flughafennutzung wirklich einen angemessenen Preis? Das muss man sich angesichts der Geheimnistuerei zwangsläufig fragen. Und was ist eigentlich mit den von der BBB erworbenen, völlig aus der Dis­kussion verschwundenen Kabelwerken in Spandau? Wie viel Fördergelder stecken da drin?

Bread and Butter im Flughafen TempelhofDass eine Messe wie die Bread-&-Butter Berlin guttun kann, soll hier keinesfalls bezweifelt werden. Trotzdem darf sich der Senat mit Blick auf die erwarteten Übernachtungszahlen der Fachbesucher nicht zum hypnotisierten Handlanger von privaten Geschäftsleuten machen. BBB-Chef Karl-Heinz Müller hat, das hat er mehrfach bewiesen, letztlich nur sein eigenes Wohlergehen im Auge. Nicht anders ist auch sein destruktiver Konfrontationskurs gegenüber den anderen Modeveranstaltungen wie der Premium und der Fashion Week zu bewerten. Statt daran interessiert zu sein, gemeinsam noch stärker zu werden, schert der BBB-Koloss ohne Not aus, verlegt den kommenden Modewoche-Termin im Sommer um zwei Wochen vor, versucht so nicht nur, die Modefachbesucher bei den anderen Veranstaltungen abzugreifen, sondern könnte die übrigen Organisatoren auch zwingen, ebenfalls ihre Termine vorzuverlegen: auf einen Zeitpunkt, wenn die hochwertigen Kollektionen der Fashion-Designer noch gar nicht fertig sind.

Text: Eva Apraku

Fotos: Harry Schnitger

zum Interview mit Carl Woebcken und Christoph Fisser zum Filmhafen Tempelhof

Mehr über Cookies erfahren