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Frauentag in Berlin: Frauenhass ist nichts, das ausstirbt

Kommentar: Frauenhass stirbt nicht aus, deswegen muss der Kampf dagegen immer weitergehen.
Frauenhass stirbt nicht aus, deswegen muss der Kampf dagegen immer weitergehen. Foto: imago images / Christian Mang

Im Gegenteil, er gedeiht. Deswegen brauchen wir den Frauentag, um Kampfstrategien zu entwickeln und um unsere Wunden zu heilen

Neulich lief ich mit einer Freundin nachts die Seestraße entlang. Es war ungefähr halb fünf, kaum jemand war draußen unterwegs. Außer dieser eine Typ, schätzungsweise Anfang 30 und einen Kopf größer als wir. Er sprach uns an: Fragte, wie es uns gehe, wohin wir gingen, was wir noch vorhätten. Die erste Frage beantworteten wir noch. Nach der nächsten sagten wir ihm, wir hätten kein Interesse an einem Gespräch, wollten für uns sein. Er ging weiter neben uns her. Und wir ignorierten ihn.

Als ich die Haustür aufschloss, schlüpfte meine Freundin rein und als ich die Tür schließen wollte, stand da plötzlich auch dieser Typ mit im Hausflur. Wir schnauzten ihn an, dass er sich jetzt verpissen solle. Er blieb stehen. Meine Freundin und ich reagierten, ohne groß nachzudenken: Zusammen schoben wir ihn aus der Tür. Zum Glück ließ er sich wegdrängen. Oben angekommen guckten wir uns noch einmal an, sagten „krasse Sache“ und sprachen das Thema danach nicht mehr an.

Warum? Weil sexuelle Belästigung mehr als zwei Jahre nach #metoo für Frauen* noch immer alltäglich ist. Nach einer Studie des deutschen Beamtenbunds dbb erlebt jede vierte Frau am Arbeitsplatz sexuelle Belästigung. Zahlen der Europäischen Kommission zufolge wird jede dritte Frau in Europa in ihrem Leben Opfer vom sexueller oder körperlicher Gewalt. Das Schlimme ist: Darüber mit anderen Frauen zu reden, verschafft zwar Erleichterung. Aber es frustriert auch, weil einem klar wird: Es bringt nur begrenzt etwas.

Obwohl der Hashtag #metoo eine wichtige Debatte entfacht hat, müssen Frauen* weiterhin mit sexueller Belästigung und Gewalt leben. Der Wandel vollzieht sich im Schneckentempo. Wenn man sich anguckt, wer die Täter sind, dann ist das kein Wunder: Das sind nicht nur alte Säcke, die einem in 50iger-Jahre-Manier die Hand auf den Oberschenkel legen und „mein Mädchen“ sagen. Das Problem stirbt nicht aus. Es sind Männer jeden Alters, die Grenzen überschreiten: in der U-Bahn, im Club, im Freundeskreis. Im Internet, vor allem im Internet. Das reicht von Dickpics, die Frauen* unaufgefordert zugeschickt bekommen, bis zu Gewaltfantasien, die Männer in den Kommentarspalten von sozialen Medien verbreiten.

Besonders virulent ist der Hass nicht nur, aber besonders in dunklen Foren – siehe die rechten Terroristen, die rassistische Morde verüben und gleichzeitig von einem Hass auch auf Frauen* getrieben werden. Die Attentäter von Halle und Hanau, aber auch die von Christchurch, Dayton verbindet unter anderem dieser Hass.

Auch wenn die Frage nicht neu ist, stelle ich sie mir immer wieder: Woher kommt dieser Hass, warum fehlt der Respekt? Die Organisation „Terre de Femmes“ prangert unter dem Hashtag #unhatewomen frauenverachtende Hatespeech vor allem in Songtexten von Rappern an und schreibt gleich mit dazu, wie viele Menschen die Songs angehört haben. Der Rapper Gzuz zum Beispiel textet: „Baller der Alten die Drogen ins Glas, Hauptsache Joe hat seinen Spaß.“ Der Track hat mehr als 2 Millionen Klicks auf Youtube. Ebenfalls aus der Feder von Gzuz: „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt, ganz normal, danach landet das Sextape im Netz.“ Oder, von den Rappern Kurdo und Majoe: „Die Bitch muss bügeln, muss sein. Wenn nicht, gibt’s Prügel, muss sein.“

Wir dürfen nicht aufhören, uns zu empören

Frauenverachtende Rapper sind nichts Neues. Trotzdem dürfen wir nicht aufhören, uns darüber zu empören. Egal, wie marginalisiert die Verfasser selbst sind. Denn die Texte suggerieren, dass es okay, dass es normal sei, Frauen zu vergewaltigen, ihnen Gewalt anzutun, sie hinter den Herd zu verbannen und ihre Selbstbestimmung zu verletzen, indem Männer ohne ihr Einverständnis Sexvideos veröffentlichen – im Jahr 2020. Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen. Millionen Menschen, vor allem junge Menschen, hören sie und werden davon beeinflusst. Und finden es dann vielleicht normal, Frauen in den Hausflur zu folgen, obwohl sie schon mehrmals „nein“ gesagt haben.

Als die Berliner Politik letztes Jahr den Frauentag zum Feiertag erklärte, gab es Protest von allen Seiten: Kirchenvertreter*innen monierten, dass der neue freie Tag kein kirchlicher sei. CDU, FDP und AfD wollten andere Feiertage und der Hauptgeschäftsführer der IHK, Jan Eder, beklagte den Verlust für die Wirtschaft.

What.The.Fuck! Ernsthaft? Die Frauenhäuser quellen über. Bei 81 Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt sind Frauen die Opfer und ein Mann stellt sich hin und sagt, ein Frauentag sei zu teuer? Als ich das letztes Jahr las, hätte ich kotzen können.

Wir Frauen* und feministische Männer brauchen diesen Tag, auch wenn er nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist: um uns gegenseitig in unserem Kampf gegen Sexismus zu bestärken, um gemeinsam um all die Opfer von sexualisierter Gewalt zu trauern und um die entscheidenden Fragen zu stellen. Allen voran: Woher kommt der Hass gegen uns und wie können wir das Problem an der Wurzel packen? Können wir überhaupt etwas tun oder liegt das allein in der Hand der Männer, der Täter? Damit die Antwort nicht nur „mehr Frauenhäuser einrichten“ lautet, brauchen wir den Raum und die Zeit und das Geld, um solche Fragen zu diskutieren. Der Frauentag ist ein Anfang, wenn auch nur ein symbolischer.

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