Stadtleben

Körper

Neulich war ich mal wieder am Teufelssee, aber länger als zwei Stunden habe ich es dort nicht ausgehalten. Es war mir einfach zu viel Körperlichkeit, zu viele Nack­te, zu viele Menschen, die man schon angezogen schwer erträgt und die ohne Klamotten nicht besser aussehen. Ich fang mal mit dem Mann an, der aussieht wie eine Mischung aus Niki Lauda und Stefan Aust und der fast immer da ist. Außer einer Basecap und einer Piloten-Sonnenbrille trägt er nix. Die Haare am Sack hat er sich rasiert, ich denke mal, damit sein Schwanz größer wirkt, den er den anderen Badenden entgegenreckt. Vielleicht ist es Unsinn, vielleicht kann man als nackter Mann mit einem rasierten Gemächt nicht anders gu­cken – aber ich finde, dass er so einen taxierenden, lüs­ternen Blick hatte. Als wäre er jederzeit bereit, Klein und Groß zu bespringen. Andere Männer standen an jenem Tag im Wasser herum – genau so, dass ihr Penis auf der Wasseroberfläche treiben konnte – kann sein, dass das so eine Art Spiel unter Nackten ist.

Die Frauen dort sahen auch seltsam aus: Entweder hatten sie so viele Schamhaare, dass ihr ganzer Unterleib überwuchert war oder eben die obligatorische Intimrasur – also diese pornoeske Kleine-Mädchen-Optik, die an 50-jährigen Charlottenburgerinnen natürlich etwas komisch aussieht.

Es ist nicht so, dass ich prüde bin, ich bin auch kein Moslem, der sich durch nackte Menschen in seiner Ehre gekränkt fühlt. Bei mir ist es eher ein ästhetisches Problem: Nachdem ich zwei Stunden am Teufelssee gelegen hatte, war mir richtig blümerant zumute.
Ich bin dann an die Krumme Lanke gefahren, was ein großer Fehler war. Es gab dort zwar keine Nackten, aber dennoch viel Fleisch zu sehen: Gegen eine Horde Zehntklässler, die sich dort in der Sonne aalt, wirken normal gebaute Menschen inzwischen wie filigrane Balletttänzer. Es heißt immer, man dürfe junge Menschen nicht mit der Vergötterung von Modelmaßen in die Bulimie treiben, aber ehrlich gesagt, habe ich schon seit Langem keinen dünnen Teenager mehr gesehen: Die meisten Jugendlichen von heute sind wahre Fleischberge mit recht amorphen Konturen. Mit dicken weißen Hintern, speckigen Hüften, Männerbrüsten, weichen Frauen­bäuchen und cellulitösen Beinen. Angesichts dieser Wohlstandsphysiognomien bekommt man fast Sehnsucht nach den drahtigen Menschen, die man immer auf Bildern aus der Nachkriegszeit sieht.
Ich will nicht sagen, dass wir in Berlin gewichtsmäßig schon so weit sind wie im mittleren Westen der USA. Aber wenn man diese nächste Generation sieht, die schon mit 16 Schuhgröße 50 und Körbchengröße D trägt, kann es nicht mehr lang dauern.

Foto: Klaus Steves/Pixelio 

Mehr über Cookies erfahren