Stadtleben

Krankheiten

Neulich dachte ich, dass ich nie wieder gesund werde. Es fing an mit einem Kratzen im Hals und allgemeiner Mattheit, später kam noch ein Schnupfen hinzu. Eine blöde Erkältung dachte ich, aber ich kam gar nicht mehr richtig hoch. Eine blöde Grippe, vermutete ich, aber auch dafür dauerte es ein bisschen zu lang. Nach zwei Wochen nahm ich Antibiotika – und dann endlich schien es vorbei zu sein. Ich war wieder gesund, doch eine Woche später kam das Kratzen im Hals wieder.

Später, als ich wieder unter den Lebenden weilte, traf ich viele, denen es ähnlich ergangen war. Die die Krankheit ihres Lebens hatten, eine Grippe, die sie nicht loswurden. Die Ärzte sprachen von einer Epidemie, wie es sie seit Jahren nicht gab, von nie dagewesener Hartnäckigkeit der Viren. Berlin ist daran natürlich mit schuld. Die Stadt liegt in einem ehemaligen Sumpfgebiet (früher flogen hier Monstermoskitos durch die märkische Heide), das den Erregern beste Voraussetzungen bietet, sich zu vermehren.

Mundschutz

Berlin ist eine Stadt der Kranken, nicht nur im Krankenhaus-Vorort Buch, wo die Maladen im Bademantel am Büdchen stehen und Biere zischen. Auch sonst ist man umgeben von Menschen, die ziemlich ungesund aussehen und es auch sind. Die Ringe unter den Augen haben, einen faulen Atem, Pickel, Ausschlag, Furunkel, Haarausfall. Es sind vor allem die typischen Zivilisationskrankheiten, die in einer Großstadt verstärkt vorkommen, dazu gesellen sich Berliner Spezialitäten wie Hospitalismus, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Sexsucht, Alkohol und Drogenmissbrauch. Für die geistig Kranken gibt es eine Reihe empfehlenswerter Häuser.

An den Berliner Schulen wimmelt es vor Parasiten. Im Wochenrhythmus wird man darüber aufgeklärt, dass es Läuse gibt. Die Pharmaindustrie verdient mit den Läusen auf den Kopfhäuten von Berliner Kindern Millionen. In den Kitas wiederum hängen Warnungen vor Windpocken oder Masern. In den Schwimmbädern lauert Nagel- und Fußpilz – in keiner anderen Stadt gibt es so viele Podologen. In Berlin mit seinen vielen Rentnern haben die Menschen alles, es gibt kaum Praxen, wo ewiges Warten nicht an der Tagesordnung wäre. Die derzeitige Regel lautet: zwei Stunden beim Kinderarzt, drei beim Orthopäden, mindestens vier in der Gemeinschaftspraxis für Radiologie. Soll ich noch erzählen, was im statistischen Jahrbuch unter Geschlechtskrankheiten steht? Ihnen ist schon ganz schlecht? Okay, lassen wir das. Gute Besserung.

Foto: www.filastockphoto.com/pixelio

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