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Kreuzberg 36 oder 61: Das ist der friedliche Konflikt im Stadtteil

Es gibt nur ein Kreuzberg? Weit gefehlt, es gibt zwei. Berlins flächenkleinster Bezirk ist geteilt, in die alten Postleitzahl-Bereiche 61 und 36. Zwischen diesen beiden Teilen Kreuzbergs wird seit jeher ein friedlicher, aber überzeugter Kulturkampf geführt. Die ideologischen Fronten sind vereinfacht gesagt: bürgerlich, saturiert und liberal in 61 versus multikulturell, hedonistisch und politisch radikal in 36.

Der Chamissoplatz in Kreuzberg 61. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Der Chamissoplatz in Kreuzberg 61. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Es kann nicht nur eines geben: Kreuzberg 36 ist nicht gleich Kreuzberg 61

Samstagvormittag am Chamissoplatz, auf dem Ökomarkt verkaufen Händler biologisch korrekt angebautes Gemüse, das kaltgepresste Olivenöl steht in urigen Holzkisten herum und die Fleischwaren sind natürlich mehr als fair. In den umliegenden Cafés und Restaurants zwischen Fidicin- und Gneisenaustraße sitzen die Anwohner bei frisch geröstetem Kaffee und hausgemachtem Kuchen.

In der Bergmannstraße und am Mehringdamm ist mehr los. Die Marheineke-Markthalle, Imbisse, Bioläden und Boutiquen mit Schnickschnack und nachhaltiger Mode ziehen viel Kundschaft an. Der Wasserturm an der Kopischstraße überragt das nahezu komplett erhaltene Altbau-Quartier. Bis an die Dudenstraße auf der einen und zum Südstern und hinein in den Gräfekiez auf der anderen Seite, reicht Kreuzberg 61.

Der Teilbezirk, zu dem auch der Viktoriapark mit Wasserfall und dem Kreuzberg-Denkmal und die Amerikanische Gendenkbibliothek am Halleschen Tor gehören, ist vielleicht etwas alternativer als Prenzlauer Berg und Schöneberg, aber doch ähnlich behaglich und solide. Hier fühlen sich weltoffene Akademiker, junge Familien und in die Jahre gekommene Hipster genauso wohl wie ergraute Ökos und saturierte Künstlertypen.

Die unsichtbare Grenze zwischen Kreuzberg 61 und 36

Die unsichtbare Grenze zwischen Kreuzberg 61 und 36 verläuft irgendwo entlang der Skalitzer Straße und dem Landwehrkanal. So genau weiß es ja niemand, als Kreuzberger spürt man es instinktiv. Wer schon länger da ist, fühlt es einfach.

In den 1980er-Jahren waren die Vorurteile auf beiden Seiten der PLZ-Demarkationslinie weit verbreitet. Wer in 36 wohnte, der ging nicht nach 61, aus Prinzip. Dann schon eher nach Schöneberg. In einem von Sven Regeners Kreuzberg-Romanen gibt es eine schöne Szene, in der es Herrn Lehmann (oder war es sein Kumpel Karl?) versehentlich über die Admiralbrücke auf die 61er-Seite verschlägt und er daraufhin einen kleinen Zusammenbruch erleidet.

Den 61ern ist 36 hingegen oft zu anstrengend. Die politischen Parolen zu grell, die Stimmung allgemein zu aggressiv. Statt Punk und Bier bevorzugt man eher Rotwein und Jazz. Überspitzt gesagt natürlich. Aber wer sich in 61 wohl fühlt, der will nicht unbedingt nach 36 ziehen. Außer mal am Wochenende um die Häuser.

U-Bahnhof Kottbusser Tor. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg
U-Bahnhof Kottbusser Tor. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

36 ist dreckig, 36 ist radikal, 36 ist Punk. Hier ist das SO36, die Oranienstraße, die besetzten Häuser, die Junkies, das Rauch-Haus, die betonierte Tristesse des Kottbusser Tors, der verdrogte Görli und der hedonistische Tumult am Schlesischen Tor. Hier war mal „Klein-Istanbul“, die Krawalle vom 1. Mai, die nachbarschaftliche Fahrradwerkstatt und die autonome Frauengruppe. Daraus speist sich der Mythos Kreuzberg.

Die Wende hat nicht alles verändert

Der Mythos stammt aus den 1970er- und 1980er-Jahren, doch nach der Wende hat sich nicht alles verändert. Linksradikalität bestimmt immer noch das Leben vieler 36er, auch die Drogen sind noch da. Es ist lauter und hektischer als in 61. Die Häuser mögen teilweise saniert sein und die Mieten sind in 36 wie in 61 hoch, schließlich zählt Kreuzberg zu den beliebtesten Wohngegenden Berlins, die Unterschiede sind aber da, spürbar und sichtbar.

Auch wenn die alten Postleitzahlen schon lange verschwunden sind und viel von dem alten Zwist auf Klischees basiert – schließlich gibt es auch in 36 sehr mondäne Straßen, man denke nur an das Paul-Lincke-Ufer, und 61 auch triste Ecken hat, etwa die Urbanstraße – existiert im kollektiven Unterbewusstsein der Stadt weiterhin die Zweiteilung. Selbst bei jungen Zugezogenen, die nur fünfstellige Postleitzahlen kennen und den Mauerfall aus Erzählungen von Lehrern und Eltern.

Das Selbstverständnis der Kreuzberger hat ohnehin viel mit Lokalpatriotismus und Folklore zu tun. Die Unterscheidung in 36 und 61 passt da gut hinein. Über diesen friedlichen Konflikt und die Abgrenzung entsteht eine Identifikation mit dem heimatlichen Kiez, was wiederum auf den Lebensraum Berlin zurückstrahlt. Solche urbanen Erzählungen schaffen ein immaterielles Fundament der Stadt. Gut, dass es sie gibt.


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