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Reportage

Kreuzberg ohne Touristen: So surreal war der Corona-Sommer

Kreuzberg ist eigentlich Hochburg von Easyjet-Tourismus und Feierexzess. Im Corona-Sommer bleiben die Party-Touristen auf einmal weg.
Die lokale Bevölkerung ringt um Sinn und das finanzielle Überleben. Kreuzberg ohne Touristen: So surreal war der Corona-Sommer im Szenebezirk.

Kreuzberg ohne Touristen: „Das Business ist kaputt.“ Foto: F. Anthea Schaap

Das Geräusch dieses Sommers ist ein leises Knurren. Es meldet sich, wenn Elias* abends nach seinem Job ins Zimmer seiner Unterkunft zurückkehrt, ohne Essen, ohne Geld. Im Görlitzer Park hat er zuvor an den Wegrändern seine Ware angepriesen, eine Mikro-­Ökonomie vor den Silhouetten von Sträuchern und Büschen, die in früheren Jahren ein profitables Geschäft war.

„Das Business ist kaputt“, sagt der 38-Jährige jetzt, auf dem Kopf eine Strickmütze, darunter ein Hemd in Reggae-Farben, rot, gelb, grün. Die Wiese, die sonst Defilee seiner Kunden ist, ist an diesem Nachmittag eine ziemlich lichte Gegend.

300 Gramm Gras in drei Tagen habe er in guten Zeiten manchmal verkauft. Das war, bevor das Corona-Virus das Gewerbe einschränkte. Heute erzielt er nur noch einen Bruchteil seines Umsatzes, wenn überhaupt. Manchmal leiht er sich Geld von hilfsbereiten Kollegen, um seine Grundbedürfnisse zu stillen.

Kreuzberg ohne Touristen: Der Stadtteil hat sich gewandelt

Normalerweise ist sein Arbeitsplatz, der Görlitzer Park, ein Tiegel voll mit Menschen, vor allem in den warmen Monaten. Dort wird angeboten, was Kreuzbergs Feiergesellschaft verbindet, die Techno-Touristen und Wochenend-Hedonistinnen, die Genuss- und Suchtmenschen: der weiche oder harte Rausch, hervorgerufen von Marihuana, Koks, MDMA, Heroin.

Normalerweise ist der Görlitzer Park ein Schmelztiegel. Ohne Touristen ist der Ort in Kreuzberg hingegen wie leergefegt.    Foto: F. Anthea Schaap
Normalerweise ist der Görlitzer Park ein Schmelztiegel. Ohne Touristen ist der Ort in Kreuzberg hingegen wie leergefegt. Foto: F. Anthea Schaap

Doch in der Corona-Zeit hat sich der Stadtteil gewandelt. Allein im Juni sind 78 Prozent weniger Urlauber nach Berlin ­gereist als im Vorjahresmonat – ein Einbruch, der auch in SO 36 und den Kiezen drumherum zu Buche schlägt. „Weniger Menschen, weniger Umsatz“, sagt Elias, ein Routinier in seinem Wirtschaftszweig.

In Kreuzberg bricht ohne Touristen ein ganzer Wirtschaftszweig zusammen

Aus Gambia ist der 38-Jährige vor fast einem Jahrzehnt aufs europäische Festland geflohen, über Italien, er strandete in ­Halberstadt, wurde dann in Berlin heimisch. Jetzt hat er eine Aufenthaltserlaubnis und einen Job als Tagelöhner, der ihn in einen Überlebenskampf verstrickt.

Diese Flaute ist nur ein Beispiel. Kreuzberg ohne Touristen: Wie spielt das Leben an einem Ort, dessen Kerngeschäft austrocknet, nämlich Partyleute zu bewirten und bespaßen?

Etwa 235.000 Berliner leben vom Tourismus. Noch 2018 betrug der Umsatz der Branche rund 11,6 Milliarden Euro. Dabei sind die Urlauberinnen und ­Urlauber, die für den großen Aderlass sorgen, im Bewusstsein der Berliner oft die Unholde: die Konsumgeier, Snobs und Igno­ranten. Großspurig zücken sie ihre Geldbündel und treiben damit die Preise, ob für Milchkaffee oder Club-Eintritt. Als Gäste sind sie wahllos, Hostel, Airbnb-Wohnung oder Schlafentzug, jede Akkommodation ist recht.

Der Feldforscher Thorsten Nagelschmidt und sein Roman des Jahres

Ein örtlicher Beobachter späht und horcht ein paar Straßen vom verwaisten Drogenumschlagplatz entfernt – an einem Posten mit Blick auf die urbane Szenerie am Kottbusser Tor, wo die Tauben über die Hochbahntrasse der U1 schwärmen.

„Der soziale Druck im temporären Abenteuerspielplatz Kreuzberg ist größer geworden“, sagt er.

Thorsten Nagelschmidt heißt der Feldforscher. Seine Balustrade ist eine Terrasse im NKZ, dem monolithischen Gebäuderiegel, der ein vertrautes Berlin-Motiv ist, in Rap-Videos und Imagefilmen. Dort sitzt Nagelschmidt, 45, an einem Tisch des Café Kotti, dem Kieztreff im unteren Stock des Betonpalasts, benachbart von einem Spielcasino. Seine Ray-Ban-Brille hat der Mann im Vintage-Sakko abgelegt.

Ein im Lockdown brüchig gewordener Alltag

Die Referenz seiner Expertise: Thorsten Nagelschmidts ­Berlin-Roman des Jahres. „Arbeit“, ein Buch mit dokumentarischen Zügen, rekonstruiert eine übliche Nacht in Kreuzberg – vor der Pandemie. Seine Protagonisten sind die stillen Showrunner im Partybezirk, die ­Taxifahrer und Türsteher, die Sanitäterinnen und ­Essenslieferantinnen, und, ja, auch die Dealer. Jene Erwerbstätigen also, die dem Schauspiel im Gran Canaria der Clubber und Connaisseure die Bühne bereiten, oft unter prekären Bedingungen.

Das Café Kotti ist Kieztreff und Beobachtungspunkt.
Das Café Kotti ist Kieztreff und Beobachtungspunkt. Ohne Touristen ist der Kreuzberger Laden ziemlich leer. Foto: F. Anthea Schaap

Das Frappierende an diesem Gesellschaftsgemälde, einem Pastiche zwischen Victor Hugo, „Berlin Alexanderplatz“ und Enthüllungsreport, war das Timing. Erschienen im April, mitten im Corona-Stillstand, leuchtete das Werk gleißend hell ein Milieu aus, dessen Alltag im Zuge von Lockdown und Rezession brüchig geworden ist.

Nagelschmidts Erkenntnis aus der ­Corona-Krise: die Entzauberung der Illusion von einem Party-Berlin, das von Stadtentwicklern und PR-Strategen gewinnbringend vermarktet worden ist, als eine alternative und klassenlose Feierkolchose.

„Arm, aber sexy – so ein Quatsch hat die Stadt in die Scheiße geritten“, sagt Nagelschmidt, Sohn eines Tankwarts, zudem Sänger einer Band namens Muff Potter, die legendär unter Punkrock-Fans ist.

In Zeiten der Pandemie verkleinert sich die Welt

Haben die Pandemie und ihre Folgen nun die Mechanismen einer Klassengesellschaft entblößt? Eine Realität, die zuvor überstrahlt worden ist vom schönen Schein der Hipster-Cafés und Tanzkatakomben?
In Clubs wird Geld gesammelt, in den Bars müssen Kellner auf Abstandsregeln achten. An anderen Schauplätzen wird ­improvisiert.

Zum Beispiel das Hostel „Staycomfort“ an der Schlesischen Straße, wo sonst Vergnügungssuchende regenerieren. Ein paar Laufmeter entfernt, auf der anderen Seite des Landwehrkanals, leuchtete bislang ein Disko-Dorf, das Place To Be in den Reiseführern ist. Dort wogen DJs im Club der Visionäre oder Birgit & Bier die Pulks im Takt von geraden und ungeraden Beats. Nun sind Raves abgeblasen. Stattdessen gibt es kleine Open-Airs und ein bisschen Biergarten-Stimmung.

Kreuzberg ohne Touristen: Alles schön ruhig hier.
Alles schön ruhig hier: Ohne Touristen erlebte Kreuzberg einen surrealen Sommer. Foto: F. Anthea Schaap

Im Hostel mietet das Jobcenter jetzt Betten, um Wohnungslose zu ­beherbergen – neben Pärchen und Einzelgängern, die slow tourism entdecken. Trotz des Deals mit der öffentlichen Hand sind nur knapp die Hälfte der zugelassenen Betten belegt. Höchstens 43 Gäste erlaubt das Gesundheitsamt, 80 betrug die Kapazität vor Corona. Die Geisterstimmung dürfte typisch sein für die Hotellerie unter dem Diktat der Pandemie, ob in Klitschen oder Bettenburgen.

„Seltsam“ sei die Atmosphäre, sagt Pavel Mihai-Alin, 44, vor ein paar Jahren aus ­Bukarest eingewandert. Ein studierter ­Historiker, der jetzt, in seiner neuen Wahlheimat, an der Rezeption eines kleinen Gasthauses seine Schichten schiebt. Aus Mitteleuropa kämen die paar Gäste im Hostel, aus Frankreich, Holland, Dänemark, Polen, sagt er.

Länder in Übersee sind dagegen zu vagen Ahnungen im Nirgendwo geworden – und kaum mehr Abflugorte von Touristen. Die Schlange am Check-In, die Enge im Flugzeug, der Transfer in Bussen und Bahnen sind potenzielle Spreading-Events, die Interkontinental-Reisen ins Kopfkino der Erinnerungen rücken. In Zeiten der Pandemie verkleinert sich die Welt. Die Grenzenlosigkeit der Globalisierung ist ein Versprechen, das gebrochen worden ist.

Seltsam seien die Berliner, sagt der Mann vom Kreuzberger Hostel

Mihai-Alin, der Rezeptionist, ist sesshaft geworden. Er wohnt selbst im Hostel, in einem Zimmer wie die Touristen, eine kleine Kammer als Teil seines Salärs. Sein Job ist somit Grundlage seiner gesamten Existenz. Seltsam seien die Berliner, sagt er. Kein Vermieter gab ihm eine Wohnung, die Banken sträubten sich, ein Konto auf seinen Namen zu eröffnen.

Ein paar Häuser weiter nördlich, der Späti „Drink Drunk“ am Schlesischen Tor, normalerweise sprudelnde Tankstelle der Feierwütigen, die Wegbiere und Weine ­kippen. Dort rollt Can, 20, nun eine Palette mit Energy-Drinks und Schokoriegeln ins Geschäft. An einem Abend in der Hochsaison verkaufen sie normalerweise 1.300 Flaschen mit Gebräu aller Geschmacksrichtungen, am häufigsten Kindl und Augustiner. Jetzt ist ohne die Touristen provinzielle Ruhe in Kreuzberg eingekehrt.

„Ich vermisse die Touristen, ihre Lebensart, ihre Ausstrahlung“, sagt Can, ein Kiezjunge im Schlabber-Look, mit Jogginghose und Pulli, der an dieser ­Versorgungszentrale jobbt. An einer Schule um die Ecke lernt er zurzeit fürs Abitur; sein Vokabular in fremden Zungen erweiterte er bislang am Verkaufsstand. Ein bisschen Spanisch habe er von manchen Urlaubern gelernt, er, der Berliner, der bislang nur in Istanbul war, und einmal in England, auf Klassenfahrt – wo war das noch mal genau, ach ja, in London.

Die Spaliere der Touristen bilden sein Tor zur Welt.

Auf ein paar Partys waren die Sonnyboys, mit Maske

Wo aber sind nun diejenigen, die sonst in Scharen jenseits der Tresen eskalieren in diesem heruntergefahrenen Rummel? Wo sind die Karussellfahrer der globalen ­Community, deren Loopings Segen und Fluch zugleich sind?

Ein Schwenk in die Oranienstraße, die Ladenmeile Kreuzbergs, wo drei Sonnyboys während der Semesterferien über den Bürgersteig schlendern. Jakub, 25, ein Pole, mit sachtem Zopf und John-Lennon-Brille, der vor Kurzem von London nach Berlin gezogen ist; Richard, 24, ein junger Hinzugezogener aus Baden-Württemberg mit bunten Turnschuhen, der Wirtschafts­ingenieurwesen studiert und bei Zalando arbeitet; Marvin, 25, Lehramtsstudent aus Heidelberg.

Kreuzberg ohne Touristen: Jakub, Richard, Marvin (v. r. n. l.): drei Sonnyboys auf der Oranienstraße – und Clubber, die in diesem Sommer lieber flanieren.      Foto: F. Anthea Schaap
Jakub, Richard, Marvin (v. r. n. l.): drei Sonnyboys auf der Oranienstraße – und Clubber, die in diesem Sommer lieber flanieren. Foto: F. Anthea Schaap

Über ihr gegenwärtiges Berlin-Gefühl reden sie wie im Whatsapp-Chat, garniert mit Smile-Emojis und positiven Schwingungen. Supernett, so ohne die Touristen, sagt Jakub. Schon cool sei es hier, man treffe vor allem die Locals, findet Richard. Mega-anonym, trotz allem, ergänzt Marvin.
Auf ein paar kleinen, legalen Partys sind sie schon gewesen, alle hätten Maske getragen. Es sei der Sommer der Verantwortung, sagt einer.

Der Corona-Sommer ist ein Tanz über dem finanziellen Abgrund

Eine Interessenvertreterin der Clubszene ist Pamela Schobeß, die das Gretchen ­betreibt, ein Schuppen auf dem Dragoner-Areal. Dessen Programm ist auf das ­Angebot eines Gemeindezentrums im Allgäu geschrumpft. Einmal die Woche findet ein Konzert statt, vor 30 Unentwegten.

Der Corona-Sommer ist ein Tanz über dem finanziellen Abgrund, die Clubtüren waren oft genug schlicht zu: „Dass wir bislang überhaupt durch den Lockdown gekommen sind, verdanken wir Spenden in Höhe von 30.000 Euro“, sagt Schobeß. Die staatlichen Finanzspritzen – Soforthilfe II vom Senat, eine Konjunkturhilfe vom Bund – sind zu gering dosiert.

„Berlin ist keine Industriestadt – das führt dazu, dass viele Menschen hier vom Tourismus leben“, sagt sie. Eine Studie, die einmal die Clubcommission in Auftrag ­gegeben hat, unterstreicht den ökonomischen Mehrwert der Feierkultur. 1,5 Milliarden Euro spülten die Party-Urlauber jährlich in die Kassen von Clubs und Restaurants, Hotels und Taxigewerbe.

Die Wertschöpfungskette im Feiergewerbe ist unzertrennbar

Die Macherinnen und Macher im Feiergewerbe und ihre Crowds bilden eine Wertschöpfungskette, die unzertrennbar ist. In der Corona-Krise wird diese Verflechtung wie unter einem Brennglas sichtbar. „Wenn wir ehrlich sind, sind wir im Grunde eigentlich alle insolvent oder zumindest die meisten von uns, weil wir keine Rücklagen haben“, offenbarte Pamela Schobeß bereits im Juli dem rbb die Lage ihrer Branche.

Wie Party-Dienstleister unter der Pandemie leiden, hängt auch von Status und politischer Lobby ab. Im Görlitzer Park etwa ist die Konkurrenz unter den Dealern größer geworden. Eine Gruppe, die so randständig ist, dass manche nicht einmal die Grundausstattung eines Staatsbürgers besitzen – eine Identität, von Behörden anerkannt.

Die Zahl der gefährlichen Körperverletzungen dort ist bis Ende August um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Offenkundig die Folge von Revierkämpfen, die um einen verringerten Absatzmarkt entbrennen. ­Zugleich entsendet die Polizei mehr Beamte auf das Gelände. Eine Belagerung, die Kunden abschreckt. Und die Händler tiefer in Nöte stürzt.

Die Pandemie hat den Blick für Herausforderungen geschärft

Die Rolle der Touristen ist zwiespältig. Ihre freigiebige Mentalität ist Lockmittel für Investoren und andere Geschäftsleute, die in ihrem Spieltrieb steile Rendite entdecken. Womit langfristig auch die Mietpreise ­steigen. Die Gentrifizierungs-Spirale beschleunigt sich. Andererseits machen Touristen einen zerfaserten Ort wie Berlin, früher eine Stadt, durchtrennt von einer Mauer, zu einem Weltereignis.

„Die Probleme, die in einer komplexer werdenden Stadt entstehen, muss die Politik lösen“, sagt Nagelschmidt, der Punkrocker und Porträtist. Die Corona-Pandemie hat den Blick für Herausforderungen geschärft. Damit könnten neue Ideen in den Parlamenten diskutiert werden.

Zum Beispiel ein Bleiberecht für ­Migranten aus Afrika. Einen Wohnungsmarkt, der einem Hostel-Angestellten wie Pavel Mihai-Alin eine Wohnung bereithält. Gute Schulen für Kreuzberger Jungs, die von der Welt träumen. Sowie weitere Hilfen für die Clubs. Viel Arbeit.

*Name von der Redaktion geändert


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