Stadtleben

Künstler

Gute Nachrichten für Berlin: Gibt man die Stadt und das Wort „Kunst“ bei Google ein, erhält man über 18 Millionen Treffer, Hamburg hat nur knapp 12, München bescheidene 10,8 Millionen. Man kann diesem Ergebnis auch im Realen nachspüren: Allein in Berlin-Mitte gibt es mehr Galerien als Papierkörbe, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine alte Hinterhofbaracke als das Atelier eines Malers entpuppt, dessen Bilder sechsstellige Summen erzielen, ist ziemlich groß.

Berlin hat wahrscheinlich die höchste Dichte an Künstlern weltweit. Mehr als in New York, Worpswede, am Montmartre und auf Ibiza. Wenn man sich auf einer beliebigen Kunstmesse bei den Ausstellern nach der Herkunft der Künstler erkundigt, heißt es in 50 Prozent aller Fälle garantiert: lebt und arbeitet in Berlin. Berlin mit seinen zwei Kunsthochschulen und seinen billigen Mieten und seinem riesengroßen Faible für Lebenskünstler aller Art ist wie geschaffen für mittellose Maler und Bildhauer, deren Werke nicht mal besonders qualitätsvoll sein müssen. Denn irgendwo findet sich in dieser Stadt noch für jeden Künstler, der gar kein Künstler ist, noch ein Galerist, der ebenfalls besser etwas anderes geworden wäre.

Das Gute für die Künstler ist: in Berlin wird das Abwegige und Verschrobene, jedenfalls das nicht Stromlinienförmige und wenig Gediegene, das ja immer zur Kunst gehören sollte, in allen Bereichen hoch geschätzt. Und das Rotzige, das in anderen Branchen wie der Gastronomie einfach nur nervt, gibt der Kunst erst den richtigen Grad an Autonomie. Kotze, Kacke und Urin – nur her damit, heißt hier das Credo. Nirgendwo erntete ein Damien Hirst mit seinen sterbenden und wiederauferstehenden Insekten, die er einst als DAAD-Stipendiat zeigte, so große Begeisterung. Oder Teresa Margolles, die die Wände der Kunstwerke mit abgesaugtem Fett glasierte, oder Dash Snow, der gern seinen Samen auf Zeitungspapier spritzte (seit seinem kürzlichen Tod natürlich eher nicht mehr) – oder auch einen ins Kunstfach diffundierten Ritter der Kokosnuss wie Jonathan Meese, der seinen Outcast-Bonus nicht mal jetzt einbüßt, wo er sich ein tristes Stadthaus mit Videoüberwachung leistet, das auch Eduard Zimmermann gut zu Gesicht gestanden hätte.

Ich persönlich kenne in Berlin Hunderte von Malern, Comiczeichnern und Bildhauern, manche sind erfolgreich, die meisten eher nicht, aber allesamt nicht abzubringen von ihrem Plan, Künstler zu sein. Noch größer ist nur die Zahl derjenigen, die so tun, als wären sie Künstler – diesem Spleen fallen vor allem Männer zum Opfer. Das konnte man gut auf dem Art Forum beobachten, auf dem man eine Menge Besucher sah, die sich sehr bemühten, etwas nachlässig auszusehen: Mit zehn Tage altem Bart und leichten Augenringen im Gesicht, einer Bierflasche in der Hand, Schlabbersachen mit seltsamen Aufdrucken und dem Fluidum von zehn Tagen Dauerparty, schlurften sie durch die Kojen – in der Hoffnung, von manch unbedarftem Messegast für einen Künstler gehalten zu werden. Bei den Touristen rund um den Hackeschen Markt mag das ja noch klappen, auf der Messe wirkt so etwas eher unangemessen artifiziell. Und das ist in Berlin zurecht ein schlimmes Schimpfwort.

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