Stadtleben

Kuschel-Theater

Klaus Völker, der frühere Rektor der Schauspiel-Hochschule „Ernst Busch“, ein renommierter Dramaturg und Theaterhistoriker, hat vor kurzem eine Laudatio auf einen jungen Regisseur benutzt, um sehr prinzipiell mit dem Hang zum Laientheater abzurechnen, den er an vielen Theatern beobachtet. Es ist eine Analyse, der man in vielem nur zustimmen kann. Völkers Vorwurf: Der selbstauferlegte Zwang zu einer vermeintlich hippen, „radikal jung“-Ästhetik, das Schielen auf schrille Typen, das Verwischen der Grenzen zwischen professionell betriebenem Theater und Amateur-Spielen banalisiert das Theater. Der fatale Trend ignoriert, dass Schauspielkunst und Regie nicht ganz unkomplizierte Berufe mit handwerklichen Voraussetzungen sind und keine Selbstfindungs-Hobbies für Leute, die sich und ihre vermeintlich aufregende Persönlichkeit gerne ausstellen möchten. Völker nennt das knapp und treffend: „Beschäftigungstherapie für zukünftige arbeitslose Schauspieler.“

Natürlich ist nicht jede Arbeit mit Laien so peinlich. Wenn Rimini-Protokoll Experten des Lebens auf die Bühne stellt, sind das in der Regel intelligent konstruierte Versuchsanordnungen. Wenn Renй Pollesch der Grenzen zwischen Darsteller und Rolle systematisch durchlöchert, entstehen vielschichtige, virtuose Theaterabende. Aber wer einmal in einer der unbedarften, von gewaltigen Eitelkeitsblähungen getragenen Mitmachtheater-Veranstaltung von Performer-Kollektiven wie „She She Pop“ oder „Show Case Beat Le Mot“ gelitten hat, wer die Befindlichkeitsübungen im Off hasst, weiß, wovon Völker redet: Ein von jedem Erkenntnisinteresse unangekränkelter Milieu-Narzissmus, der das eigene Sich-Spreizen für abendfüllend hält und sich weder für die großen Stoffe des Theaters noch für die Auseinandersetzung mit seinem reichen Formen-Vokabular interessiert.

Es ist ein regressives Theater, das in kindlicher Unschuld nur „ich“ oder „wir“ sagen kann, ein Theater, in dem die Welt jenseits des eigenen kleinen Milieus nicht vorkommt, ein Theater der bewusstlosen Selbstfeier. Völker: „Die Theater scheuen die produktive Konfrontation mit dem Publikum, sie wollen lieber der Wärmeofen einer kuscheligen Szene sein.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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