Stadtleben

Lange her

Ach, wie lang ist das alles her. Damals, 1997, als das jetzt im Radialsystem wieder aufgenommene „Zweiland“ entstand, war Sasha Waltz noch keine berühmte Künstlerin. Sie war nur talentiert, jung und sie wusste, was sie wollte. Dass es ihr im Jahr zuvor mit Freunden gelungen war, ein eigenes neues Theater zu eröffnen – die Sophiensaele – fanden alle noch ganz unglaublich. Natürlich, „Allee der Kosmonauten“, das Sopiensaele-Eröffnungsstück, war zum Theatertreffen eingeladen worden, man tourte durch die Welt, fand immer potentere Geldgeber. Und doch: Man konnte sich noch mit größter Hingabe den ganz einfachen, den elementaren Fragen des Lebens hingeben. Etwa: Welchen Winkel muss mein Knie einnehmen, um eine Stufe zu erklimmen?

Das Verrückte, wenn man jetzt „Zweiland“ nach vielen Jahren wiedersieht, ist schlicht, dass es funktioniert. Dass der Zauber wirkt. „Zweiland“ ist eine einstündige Kleinigkeit, federleicht und schön, mit einer unbekümmerten Lust an Slapsticks, Effekten und Poesie, ein Kinder-Märchen-Traum. Es gibt einige Längen und Albernheiten in der Mitte, der Umgang mit theatralen Mitteln ist Lichtjahre von dem entfernt, was Sasha Waltz heute möglich ist. Unglaublich, wie sie gereift ist. Was für einen anderen Zugang zu Bewegung und Raum, was für eine Sprache sie sich seitdem erarbeitet hat.

Und doch – und gerade deswegen: Ein Stück wie „Zweiland“, so unschuldig, so verspielt und verträumt – und damit pures Glück verschenkend – könnte heute nicht mehr entstehen. Vielleicht ist das immer das Besondere von Sasha Waltz gewesen. Wie unglaublich lang sie sich diese Unschuld hat bewahren können.

Michaela Schlagewerth

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