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Das Leben geändert

Die Magersucht hat sie fast das Leben gekostet, jetzt hilft Lea Gericke anderen

Den Frieden mit sich selbst gemacht: Ihre Magersucht hätte Lea Gericke fast das Leben gekostet. Nun kämpft sie auch für die Gesundung anderer essgestörter Menschen

Lea Gericke, Foto: axentis.de / G. J. Lopata

Die Magersucht hatte Lea fest im Griff, über zwölf Jahre lang. Als Teenager fing sie an zu hungern, bis sie zwischenzeitlich kaum mehr als 27 Kilo wog. „Damals glaubte ich, dass das Dünnsein meine Probleme löst“, sagt Lea. Doch während ihre Mitschüler sich verliebten, feierten und studierten, vereinsamte Lea, wechselte mehrfach die Schulen, begann Praktika auf Reiterhöfen, die sie schnell wieder abbrach, landete immer wieder in Kliniken, musste über eine Magensonde ernährt werden.

Heute ist Lea Gericke eine junge Frau Anfang 30, zart, aber nicht zerbrechlich, mit klarem konzentriertem Blick und herzlichem Wesen. Kürzlich ist ihr Buch „AnaDismissed. Meine Kampfansage an die Magersucht“ erschienen, in dem sie ihre berührende Geschichte offen und reflektiert aufgeschrieben hat. Im Rahmen eines gleichnamigen Selbsthilfe-Projekts berät Lea Betroffene einer Essstörung sowie Angehörige, sie selbst nimmt ebenfalls aktiv an einer der Gruppen teil. „Ich weiß, dass es immer noch Anteile in mir gibt, die essgestört sind. Aber heute dient mir die Störung als eine Art Warnsignal dafür, dass etwas anderes in meinem Leben nicht stimmt,“ sagt Lea. Sie steht zu ihrer Vergangenheit, will die Magersucht nicht ausmerzen. „In einer Phase meines Lebens habe ich die Essstörung scheinbar gebraucht, weil sie mich vor etwas noch Schlimmerem geschützt hat.“ Was, will Lea sich nicht ausmalen, denn was sie durch die Krankheit erlebte, war erschreckend genug und hat sie den größten Teil ihrer Jugend gekostet.

Selbst fand sie erst mit Mitte 20 ganz allmählich heraus aus der Sucht. Mit einer Hypnosetherapeutin arbeitete Lea am Unterbewusstsein, eine Verhaltenstherapeutin schickte sie auf Jobsuche und in einen Tanzkurs. Der Tod ihres Ponys brachte sie dazu, anders über das Leben nachzudenken. „Ich habe es als sehr ungerecht empfunden, dass dieses gutmütige Tier, das voller Leben war, sterben muss – während ich, die ihr Leben mit den Füßen tritt, bleiben darf,“ sagt Lea.

Obwohl sie sich manchmal fragt, wo sie ohne die Krankheit heute stehen würde, hat Lea Frieden mit ihrem Weg gefunden. Auf die Selbsthilfe-Möglichkeit will sie nun auch an Schulen aufmerksam machen, unterstützt von ihrem einstigen Klassenlehrer. Früher ging sie mitmenschlichen Kontakten aus dem Weg, enge Freundschaften zu schließen fällt ihr auch heute noch schwer. Aber sie hat einen wichtigen Ort in der Gesellschaft gefunden. Sie hat viel zu geben, zugleich ist ihr bewusst, dass Selbsthilfe keine Therapie ersetzen kann: „Ich weiß natürlich nichts besser als ein Arzt, ich habe aber eine andere Kompetenz, die aus dem Erfahrungswissen kommt. Und wenn wir gemeinsam das Beste für die Betroffenen herausholen, ist das ein Gewinn für alle.“
Teresa Schomburg

AnaDismissed. Meine Kampfansage an die Magersucht von Lea Gericke, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 224 S., 14,99 €

Weitere Termine und Infos auf www.ana-dismissed.de

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