Stadtleben

Legale Hausbesetzung in Berlin

M_Scheunemann_c_schnitgerEs ist Dienstagmittag in Reinickendorf, die Sonne scheint, doch es sind kaum Menschen auf den Straßen, ganz anders als in den typischen studentischen Berliner Bezirken wie Friedrichshain, Kreuzberg oder Neukölln. Hier, rund um den S-Bahnhof Waidmannslust, tragen die Straßen französische Namen. Bei der Avenue Charles de Gaulle liegt das College Voltaire. Durch ein dunkelgrünes Eisentor betritt man das Gelände der ehemaligen französischen Privatschule. In einem Glaskasten direkt am Eingang hängt ein abgelebter Zettel mit Prüfungsergebnissen. An einem Tag wie diesem hätten die Schüler wohl über ihren Büchern gebrütet oder wären über den Hof getobt. Doch das Schulgelände wirkt ebenso ausgestorben wie der Rest der Gegend. Seit die Schule 2011 in die Nähe des französischen Gymnasiums im Tiergarten gezogen ist, stehen die 60er-Jahre-Bauten leer.

Zumindest fast. Der Kunststudent Marcus Scheunemann, 29, bewohnt seit knapp einem Monat eines der Klassenzimmer. Wären nicht überall diese grünen Poster, Aufkleber und Schilder angebracht, könnte man meinen, in der ehemaligen Privatschule hätten sich Hausbesetzer eingerichtet. Aber schon am Eingangstor wird man zurechtgewiesen: „Bewacht durch Bewohnung“ steht da. Der Student Marcus Scheunemann ist einer von knapp 20 Hauswächtern, die durch ihre Anwesenheit auf dem Gelände eben genau das verhindern sollen: dass die Gebäude besetzt oder beschädigt werden. Den Weg über den Schulhof vorbei an den Laubbäumen und durch ein weiteres Tor hindurch schreitet Scheunemann inzwischen routiniert ab. „Das Gelände erinnert mich ein bisschen an Ferienlager“, sagt er und grinst. Nur eben ohne lärmende Kinder und Jugendliche. Das etwa 22?000 Quadratmeter große Areal ist gespenstisch leer, obwohl es so aussieht, als könnten die Schüler jeden Moment in die große Pause stürmen. An die „Tschernobyl-Stimmung“, wie Scheunemann sagt, hat er sich inzwischen gewöhnt. „Ich fühle mich jetzt sehr wohl hier“, sagt er.

Camelot_c_schnitgerIn einem der Klassenzimmer hat er sich einen Wohn-, Schlaf- und Arbeitsraum eingerichtet: Auf dem Boden liegt eine Matratze, in der Mitte des Raums stehen Couch und Tisch, sogar einen Teppich hat er darunter gelegt. In einer Ecke hat er sein Schlagzeug aufgebaut. An der Stirnseite des Raums hängt noch die grüne Tafel. Neben Skizzen von Marcus Scheunemann steht dort auch noch ein mit weißer Kreide geschriebener Text in französischer Sprache. „Eigentlich wollte ich das alles stehen lassen, aber dann habe ich doch einen Teil abgewischt“, sagt er. Das privatwirtschaftliche Unternehmen Camelot mit niederländischen Wurzeln hat das Konzept Hausbesetzung mit seinem neuen Wohnbewachungsmodell kurzerhand umgedreht. In den Niederlanden gibt es ein Gesetz, das es erlaubt, legal ein Haus zu besetzen, wenn es länger als ein Jahr leer steht. Das versucht Camelot zu verhindern, indem es Bewacher in die Gebäude setzt. Obwohl die gesetzliche Lage in anderen europäischen Ländern, auch in Deutschland, anders ist, feiert Camelot mit seinem Modell große Erfolge. Nach England, Frankreich und Irland ist das Unternehmen seit letztem Jahr auch in Deutschland aktiv. Offiziell wird von den Bewachern keine Miete verlangt, sondern sie müssen Verwaltungsgebühren zahlen. Und die sind sehr gering: Marcus Scheunemann bezahlt im Monat gerade mal 175 Euro inklusive Wasser und Strom für rund 70 Quadratmeter Wohnraum und einen riesigen Hof.

„Für mich als Kunststudenten ist das ideal, normalerweise bezahlt man denselben Preis allein für ein Atelier“, sagt er. Das gilt nicht nur für Studenten: Im Kindergarten wohnt eine Mode-Designerin, die die Räume auch als Atelier nutzt. Mit ihrem Konzept „Bewachen durch Bewohnen“ spart Camelot die Kosten für einen Sicherheitsdienst. Wie ein Wächter fühlt Scheunemann sich allerdings nicht: „Ich muss einfach nur da sein, das reicht schon aus.“ Tatsächlich macht der 29-Jährige mit seiner schmalen Statur nicht den Eindruck eines Sicherheitsmannes im Dienst. „Wenn hier jemand auftauchen sollte, wüsste ich gar nicht so genau, was ich dann tun sollte“, sagt er. „Aber bisher gab es noch keine Zwischenfälle.“ Marcus Scheunemann setzt sich draußen auf dem Schulhof auf eine der Holzbänke und raucht eine Zigarette. In seinem Zimmer darf er das nicht. Daran erinnert ihn wiederum ein Aufkleber in den langen Schulfluren: Rauchen verboten. Darunter befindet sich der Hinweis, dass das Entfernen des Aufklebers zu einer Verwarnung führt. Ebenso verboten sind Haustiere, Kerzen, unangemeldeter Besuch für mehr als eine Nacht, nicht abgesprochener Urlaub, Partys. Die Verbotsliste ist lang. „Aber der Verwalter von Camelot ist kompromissbereit“, sagt Marcus Scheunemann. Im Zweifelsfall müsse man eben alles absprechen.

M_Scheunemann_c_schnitger_2Neben der stetigen Präsenz im Gebäude gehört es auch zu den Aufgaben der Hauswächter, Ordnung zu halten. Kontrolliert wird dies zweimal im Monat. Dann kommt ein Camelot-Vertreter unangemeldet vorbei. „Das ist schon ein komisches Gefühl, zu wissen, dass jederzeit jemand mit einem Schlüssel in dein Zimmer kommen kann“, sagt Scheunemann und rückt seine Mütze zurecht. „Dafür hat man hier so viel Grün. Vorher habe ich in Charlottenburg gewohnt. Da mussten wir aber dann plötzlich ausziehen, weil das Haus verkauft wurde. Ich bin kein Großstadtkind“, erzählt er. Die sehr ruhige, fast schon einsame Gegend in Reinickendorf stört ihn nicht, im Gegenteil: „Ich habe gar keine Lust, in einem dieser Hipster-Ghettos zu wohnen.“ Für diesen Vorzug und vor allem für die günstige Miete nimmt der Kunststudent auch einige Unannehmlichkeiten in Kauf. Komfort gibt es nicht viel. Die Zimmer sind unmöbliert, Sanitäranlagen und Küche werden gemeinschaftlich genutzt und die Spiegel im Bad hängen auf Kinderhöhe. Camelot hat eine der Schultoiletten zu einer Duschkabine ausgebaut, die sich die vier Bewohner aus einem Wohnblock teilen. Eine Küche gibt es bisher noch nicht. Marcus Scheunemann und die anderen kochen mit Camping-Kochern.

Der größte Haken allerdings ist die Ungewissheit: Denn der Vertrag, den die Hauswächter mit Camelot schließen, ist kein Mietvertrag im eigentlichen Sinne. Sobald es für die jeweilige Immobilie einen neuen Verwertungszweck oder Käufer gibt, müssen sich die Bewohner schnell eine neue Bleibe suchen. Die Schonfrist beträgt gerade mal vier Wochen. Im Notfall müsse er dann zu Freunden ziehen, überlegt Scheunemann. Aber eigentlich will er darüber nicht zu lange nachdenken. Schließlich ist er gerade erst eingezogen und hatte bisher kaum die Möglichkeit, seine neuen Nachbarn aus den anderen Wohnblöcken kennenzulernen. Marcus Scheunemann drückt seine Zigarette aus und lässt seinen Blick wandern. Von den Tischtennisplatten über den großen Hof zum verlassenen Basketballfeld. „Ich glaube, im Sommer ist es hier richtig schön. Dann können wir hier draußen zusammensitzen“, sagt er. „Das ist voll mein Ding.“ Er macht eine lange Pause, dann fügt er hinzu: „Hoffentlich findet sich bis dahin kein neuer Käufer.“

Text: Lene Albrecht

Foto: Harry Schnittger

Hauswächter in Europa und Deutschland In Europa bewachen rund 10?000 Hauswächter etwa 4?000 Objekte für Camelot. In Deutschland sind etwa 30 dieser legalen Besetzer im Einsatz, sie passen auf gut 15 Gebäude auf.Infos im Netz: http://de.cameloteurope.com

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