E-Mobilität

Leihen und rollen

Sie fahren mit Ökostrom und können an fast jeder Straßenecke gemietet werden. Nach dem Carsharing-Hype erobern nun die E-Scooter Berlins Straßen
Text Alexandra Meyer

Gefühlt stehen die modernen Flitzer in grau und mint oder grellem orange überall in der Innenstadt. Seit Monaten boomt das leise Rollen auch in Berlin. So steht der Fahrt mit einem Elektroroller nichts mehr im Wege. Die App-Anbieter dafür heißen Coup und Emmy.  Nach dem Carsharing-Hype erobert nun das Geschäft mit Leih-E-Scootern Berlins Straßen.

Durch diese Omnipräsenz ist auch Friederike Laker zum Rollerfahren gekommen: „In meinem Neuköllner Kiez standen sie plötzlich an jeder Ecke. Da habe ich mal gegoogelt, was das ist und mich gleich angemeldet.“

Zwei Anbieter, ein Konzept: Coup und Emmy (unten) setzen auf Leihroller, die schnell und unkompliziert ausgeliehen werden können
Foto: Moritz Thau

Private Elektroroller waren bislang eher selten im Stadtbild zu sehen. Mittlerweile düsen die E-Scooter in Massen lautlos umher. Der eine Berliner Sharing-Anbieter, Coup, gehört zum Bosch-Konzern. Der andere, Emmy, ist ein Startup.  Mit großem Werbeaufwand und vielen Lockangeboten konkurrieren die beiden um den hauptstädtischen Markt.

Friederike Laker hat sich bei Coup angemeldet. Die 25-jährige angehende Heilpraktikerin mag am E-Scooter-Sharing, dass die Nutzung praktisch und unkompliziert ist: „In der App sieht man, wo der nächste Scooter steht, meist nicht mehr als 200 bis 300 Meter entfernt. Die Bedienung ist leicht. Und was dazu kommt: Man kann ihn überall parken.“ Um Radfahrer und Fußgänger nicht zu erschrecken, besitzen sie, ebenso wie E-Autos, eine Fußgängerhupe.

Friederike Laker findet Autofahren in der Stadt sehr anstrengend. Mit dem E-Scooter kommt sie weitaus besser durch den Verkehr. Für den ganzen Tag zahlt sie 20 Euro. Ein Luxus, den die autofreie Generation sich anscheinend gerne leistet. Billiger ist es, wenn man bei den üblichen Kurzstrecken bleibt. Dabei kostet die erste halbe Stunde bei Coup drei Euro, für jedes weitere Zehn-Minuten-Intervall wird ein Euro fällig. Emmy berechnet für die Fahrt mit dem E-Roller 19 Cent pro Minute. Eine halbe Stunde Fahrt kostet demnach 5,70 Euro. Alternativ werden 59 Cent je angefangenem Kilometer fällig. Leihen und abgeben darf man die Roller nur innerhalb des S-Bahn-Rings.

Zwei Anbieter, ein Konzept: Coup (oben) und Emmy setzen auf Leihroller, die schnell und unkompliziert ausgeliehen werden können
Foto: Christoph Spranger

Registrieren kann sich jeder Führerscheinbesitzer ab 21 Jahren. Ein Schlüssel zum Starten ist zumindest bei Coup nicht erforderlich. Bei beiden Anbietern finden sich Helm und Hygienehauben unter der Sitzbank. Emmy-Nutzer können zudem einen Beifahrer mitnehmen.  Die Batterien werden von beiden Anbietern mit Ökostrom geladen. Hat ein Roller nicht mehr die gewünschte Reichweite, wird er von der Zentrale aus geblockt und die Akkus werden von einem Servicemitarbeiter getauscht, in den Sommermonaten im Dreischichtsystem. Mit bis zu 45 Stundenkilometern Tempo können mit einem geladenen Roller 100 Kilometer zurückgelegt werden.
Der Trend mag in Berlin neu sein, auf globaler Ebene ist er es nicht.  Weltweit haben E-Scooter einen Anteil von gut 95 Prozent am Sharingbetrieb. Der Trend kommt aus China. Dort sind schon heute etwa 200 Millionen Elektro-Roller unterwegs, einer für jeden siebten Chinesen.

Coup ist seit einem Jahr am Berliner Markt und hat in diesem Jahr die Flotte bereits auf 1.000 E-Scooter erweitert. „Über die Kundenzahlen machen wir keine Angaben, aber wir sind sehr zufrieden“, sagt Julia Grothe, Pressesprecherin bei Coup. Die nächste Expansionsstufe läuft bereits: „In diesem Sommer starten wir in Paris mit 600 E-Scootern. Das Wetter spielt in diesem Geschäft eine wichtige Rolle, da ist eine Metropole, in der ganzjährig gefahren werden kann, sehr attraktiv.“ In Berlin werden die Fahrzeuge in den Wintermonaten eingelagert.

Konkurrent Emmy hieß bis vergangenem März noch eMio.  Unter diesem Namen wurde das Startup bereits Anfang 2015 von drei Studenten gegründet, Alexander Meiritz, Hauke Feldvoss und Valerian Seither. Aktuell hat Emmy 20.000 Kunden und 350 Roller. Bis zum Jahresende soll die Anzahl auf 750 Roller ansteigen.
Dabei erlebt auch die bekannte Schwalbe ihren dritten Frühling. Ein Münchener Elektroroller-Hersteller ist für die Neuauflage des Suhler Simson-Rollers verantwortlich und hat diesen elektrifiziert, so dass noch in diesem Jahr die Flotte um 450 Elektro-Schwalben deutschlandweit erweitert werden sollen. Das Geld für die Expansion haben die Vermiet-Pioniere bei Investoren eingesammelt, ein Teil des siebenstelligen Euro-Betrags kommt von der Investitionsbank Berlin (IBB), die von Beginn an das Konzept geglaubt hat. Inzwischen stehen die orangenen Flitzer auch in Stuttgart, Hamburg und Mannheim.

Rollerfahren liegt also in Berlin voll im Trend. Und das wird so bleiben. Enrico Howe, Experte für nachhaltige Mobilitätslösungen am Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) ist sich sicher: Roller-Sharing hat Zukunft. „Entscheidend ist doch, dass niemand lange suchen oder laufen will, um einen Roller zu bekommen. Der nächste verfügbare Scooter steht bestenfalls maximal zwei Ecken weiter. Für noch mehr Unabhängigkeit sind die Nutzer häufig auch noch bei mehreren Anbietern registriert.“

Der Forscher rechnet mit einem Netzwerk nachhaltiger Mobilität:„Die Verbraucher melden sich nur einmal an und können öffentliche Verkehrsmittel, Bike-, Car-, und Scootersharing kinderleicht kombiniert nutzen.“ Das Teilen bietet die Möglichkeit, immer dann das ideale Verkehrsmittel zu nutzen, wenn es für den Kunden nützlich ist, zum Beispiel, wenn der Bus ausfällt.

Die Nutzerzahlen werden auch in Europa weiter steigen, weil Anbieter vor dem Hintergrund verschärfter Umweltzonen, wie sie in Stuttgart existieren, meist von vornherein auf die abgasfreie Variante setzen. Insgesamt erwartet die Mobilitätsforschung, dass in den nächsten Jahren eine Marktkonsolidierung.
Friederike Laker, die Neuköllnerin, greift jedenfalls schon mal spontan auf einen Roller zurück, wenn sie an einem vorbeigeht. Besonders viel Spaß machen ihr aber Fahrten mit Freunden, zum Beispiel zum See am Wochenende: „Man fällt ja schon auf, wenn man allein fährt“, sagt sie. „Aber in einer Gruppe ist das echt ein Hingucker.“

Mehr über Cookies erfahren