Stadtleben

Letzte Runde

Plattensammler machen gerne Listen, zum Beispiel mit den besten Coltrane-Platten (1. „The John Coltrane Quartett Plays“, 2. „Interstellar Place“, 3. „A Love Supreme“ (Abb.), 4. „Medi­tations“, 5. „Sun Ship“). Studenten machen Leselisten. Aktienbesitzer machen Listen mit ihren Gewinn- und Verlustbringern. Wenn Thea­terkritiker nicht weiterwissen, machen sie auch eine Liste.

Die vorläufige Liste der wichtigen Theaterbesuche meines Lebens in chronologischer Folge: „Nepal“ von Urs Widmer (Stadttheater Pforzheim), „Das letzte Band“ (Stadttheater Pforzheim), „Minetti“, Regie: Peymann (Fernseh­übertragung), „Die Hermannschlacht“, Regie: Peymann (Fernsehübertragung), „Die Schlacht“ von Heiner Müller, Regie: Karge/Langhoff (Volksbühne Berlin). Dann wurde ich 19, zog nach Berlin und fing an, Theaterwissenschaft zu studieren, und das Leben wurde lustig. Und dann sah ich lauter große Kunstwerke: „Drei Schwestern“, Regie: Noelte (Videoaufzeichnung), „Vor Sonnenaufgang“, Regie: Schleef (gesehen beim Theatertreffen), „Süden“, Regie: Andrea Breth (Theatertreffen), „Heute ist mein Geburtstag“, Regie: Kantor (Hebbel Theater), „Pension Schöller“, Regie: Castorf (Volksbühne Berlin), „Fatzer“, Regie: Heiner Müller, Bühne: Mark Lammert  (Berliner Ensemble), „Murx“, Regie: Marthaler (Volksbühne), „Die Weber“, Regie: Castorf (Volksbühne), „Wurzel aus Faust“, Regie: Marthaler (Deutsche Schauspielhaus Hamburg), „100 Jahre CDU“, Regie: Schlingensief (Volksbühne), „Ein Sportstück“, Regie: Schleef (Burgtheater), „Ist op Bach“, Regie: Platel (Schaubühne), „Onkel Wanja“, Regie: Gosch (Deutsches Theater), „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, Regie: Schlingensief (Duisburg), „Die Möwe“, Regie: Gosch (Deutsches Theater).

Die meisten dieser Inszenierungen liegen lange zurück. Manchmal denke ich, dass ich im Theater nur noch gut gemachte Seifenblasen sehe. Manchmal ist mir das alles egal. Manchmal kommt es mir komplett sinnlos vor, dauernd ins Theater zu gehen. Manchmal habe ich Heimweh danach, wie ich mit 16 im Stadtthea­ter Pforzheim „Nepal“ gesehen habe und wusste, dass ich mein Leben damit verbringen will, im Zuschauerraum zu sitzen und zuzusehen. 

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