Stadtleben

Liberale

Ich glaube, neulich habe ich einen FDP-Wähler gesehen. Er stand bei Lidl an der Kasse und hob acht Champagnerflaschen aufs Laufband, die von 14 Euro auf 11 Euro reduziert waren. Er hatte englische Kleidung an, oder das, was man in Berlin dafür hält: ein Tweedsakko und eine bunte Cordhose, die allerdings an den Bundfalten schon etwas abgewetzt war. Er sah also so aus, als könnte er durchaus ein bisschen mehr Netto vom Brutto vertragen. Nach dem Bezahlen ging er achtlos an den bettelnden Punks vorbei. Für mich ein weiteres klares Indiz.
Vielleicht liege ich auch falsch, und der FDP-Wähler sieht gar nicht mehr so aus, wie man ihn sich vorstellt – also wie der Klassenstreber, nur eben älter und mit 3er-BMW. Nur, weil die zukünftigen Minis­ter der FDP noch immer dieselben sind wie die früheren, können sich ja die Wähler trotzdem gewandelt haben. Eins aber ist klar: Es ist unheimlich schwer, in Berlin einen FDP-Wähler zu finden. Niemand will es gewesen sein. Ich suche jetzt seit drei Wochen und bin immer noch nicht fündig geworden.
Dabei stand in der „Süddeutschen Zeitung“, dass es ihn gerade in Berlin zuhauf gebe – den neuen Liberalen, der sich in Mitte und Prenzlauer Berg nicht mehr wohlfühle, weil es dort zu oft nach Kinderbrei rieche, „in den rauchfreien Lounges mit den würfelförmigen Sitzen“. Das ist eine interessante Beobachtung, denn rauchfreie Lounges kommen in Prenzlauer Berg und Mitte kaum noch vor, seitdem man so gut wie überall wieder rauchen kann. Der neue FDP-Wähler ist also womöglich jemand, der den Glauben an die bürgerlichen Widerstandskräfte längst verloren hat. Wenn sich das Rauchverbot unter sanftem zivilem Ungehorsam in Qualm auflöst, sitzt er schon in seinem Rauchersalon in Nikolassee.

Die „Süddeutsche“ hatte bei ihrer Diagnose ohne Zweifel Ulf Poschardt im Kopf. Denn der ist ja in der Tat bekennender FDP-Fan und ständig zwischen Mitte (wo er die Zeitschrift „Vanity Fair“ leitete) und Schlachtensee gependelt, wo er sich für ein Tempolimit auf allen Straßen einsetzte, die in Hörweite seiner Wohnung sind. Auch das gehört wohl zum Typus der neuen Liberalen, dass sie es selbst mit der Freiheit nicht mehr so eng sehen.
Die FDP selbst tut sich offenbar schwer, zu sagen, wer sie gewählt hat. Die „wahre neue Mitte“, so der Leiter des Liberalen Instituts der Friedrich Naumann Stiftung in Potsdam, bestehe nicht aus den Beziehern höherer Einkommen, die sich einen „postmateriellen Lebensstil“ leisten können, sondern aus dem „sprichwörtlichen Otto Normalverbraucher“. Der postmaterielle Lebensstil, das weiß jeder „Zeit Magazin“-Leser, besteht aus dem verstärkten Konsum von Biolebensmitteln – ich liege also mit meiner eingehenden Vermutung, dass der neue FDP-Wähler sein Geld für Luxusgetränke und gespritztes Obst aus dem Lidl-Sortiment ausgibt, gar nicht so falsch.
Die FDP-Wähler seien zwischen dem Grill Royal und dem Borchardt unterwegs, stand auch noch in der „SZ“, was womöglich eine subtile Anspielung auf Benjamin Stuckrad-Barre war, den ich neulich an der Hand einer sehr blonden Frau sah – den Kragen des weich gefütterten Herbstmantels charismatisch hochgeschlagen. Das sah tatsächlich sehr nach FDP aus. Poschardt, Stuckrad-Barre – das wären schon mal zwei.
Wie viel Prozent hatte die FDP noch gleich?

Mehr über Cookies erfahren